Zigeunerwäsche

Älter zu werden, ist zwar nicht immer einfach, aber jung zu sein, war es auch nicht.
Ich weiss das, denn das Gefühl habe ich konserviert. Regelmässig schnuppere ich in der Waschküche daran und freue mich darüber, dass es der Vergangenheit angehört. Das gleiche Gefühl stellt sich ein, wenn ich ein bedauernswertes Kind im gekochten Sellerie herumstochern sehe und erleichtert seufze: Gut, darf ich mir heute mein Gemüse selber aussuchen!

Ebenso geht es mir beim Aufhängen der Wäsche.

Die leicht dahingeworfene Bemerkung „eine richtige Zigeunerwäsche!“ war bestimmt nicht böse gemeint. Aus dem Mund der Mutter meiner ersten grossen Liebe allerdings, die so viel schöner, gescheiter, erfahrener, weltgewandter, kurz: viel mehr von allem als ich war, war sie vernichtend und kratzte an meinem Selbstbewusstsein.
Ich war eingeladen worden, ein paar Ferientage mit der Familie meines Angebeteten zu verbringen. Wer wollte da nicht einen guten Eindruck machen? Das war schwierig, weil sich mein eigener Alltag doch sehr von demjenigen meiner Gastfamilie unterschied. Es war zwar lustig, im grossen Ferienhaus (wo ich ein eigenes Zimmer hatte, mit eigenem Bad! Das Bad war grösser als unseres zu Hause!!) am Meer zu residieren, im Cabriolet herumgefahren zu werden und jeden zweiten Abend in einem anderen Restaurant zu dinieren. Allerdings bestand ständig die Gefahr von Kollateralschäden in meiner noch jungen Beziehung: Ich hatte nicht die richtige Garderobe. Ich hatte nicht die entsprechenden Umgangsformen. (Ich hatte dies und das noch nie gegessen und wusste also auch nicht, WIE man es ass.) Ich traute mich kaum, den Mund aufzumachen, um nichts Falsches zu sagen. Nicht mal mit meiner Hilfsbereitschaft konnte ich punkten, weil es auch da, praktisch gesehen, haperte.
Ich war zwar in eher bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, aber dennoch wahnsinnig verwöhnt und total unselbständig. Ich wusste nicht, wie man ein Hemd bügelt. Ich konnte nicht kochen. Nur schon beim Salat rüsten gab es Probleme, weil die Blätter, die als ungeeignet erachtet wurden, bei mir zu Hause ohne mit der Wimper zu zucken noch gegessen wurden. Also bot ich an, die Wäsche aufzuhängen. So schwer konnte das nicht sein: Klammer hier und Klammer dort und fertig. Aber da hatte ich mich natürlich girrt, denn der Möglichkeiten, wie man Wäsche aufhängt, sind viele. Was aber vor allem gar nicht ging, war die Anordnung der einzelnen Teile, bzw. die fehlende Systematik dahinter: eine richtige Zigeunerwäsche eben.

Und so kommt es, dass ich noch heute, mehr als dreissig Jahre später, eine stille Genugtuung verspüre, wenn ich die Wäsche zum Trocknen aufhänge. Ich folge danach einzig dem Prinzip des Zufalls: Was zuoberst im Korb liegt, kommt zuerst an die Leine. Leise vor mich hin lächelnd hänge ich Socken neben die Pyjamahose, welche vorübergehen von ihrem Oberteil getrennt wird, um sich dafür nett mit einem Halstuch zu unterhalten. Ist alles oben, so trete ich einen Schritt zurück, betrachte zufrieden mein Werk und freue mich über die zufällig entstandene Ordnung.

Und ab und zu kann ich es mir nicht verkneifen, eine einzelne blaue Socke noch neben eine rote Mütze umzuhängen. Einfach, weil es mir so viel besser gefällt!

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7 Antworten zu Zigeunerwäsche

  1. Flohnmobil schreibt:

    Bei uns hiess das „Tschinggewösch“ und meine Mutter achtet bis heute darauf, dass sie Unterhöschen neben Unterhöschen und die passenden Socken zusammen aufhängt. Zum Glück hab ich diesen Gendefekt nicht geerbt. 😉

  2. schreibschaukel schreibt:

    Sehr sympathisch! 🙂 Hierzulande ist es sowieso besser, wenn man seinen eigenen Waschkodex hat.

  3. runningtom schreibt:

    Oh wie bin ichdoch ordentlich… wie lanweilig… 😉

  4. lesbomat schreibt:

    Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Meine Mutter hat das auch sehr ordentlich gemacht, glaub ich. Bei mir hängen immerhin die Socken beieinander, so kann man die nämlich einfach nehmen und in die Sockenkiste werfen, wenn sie trocken sind.

  5. schreibschaukel schreibt:

    Pssst ….ich häng doch die gleichen Socken auch nebeneinander. Aber das darf niemand wissen, sonst ist meine Pointe im Eimer statt an der Leine.

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