Die andere Mauer

Als ich mich an der Kasse anstelle, ist diese noch in weiter Ferne, was daran liegt, dass die Schlange lang ist. Erstaunlich schnell wird sie kürzer, was an der flinken Kassiererin liegt. Während ich warte, habe ich Zeit, sie zu beobachten. Eva kommt mir in den Sinn, die immer gut gelaunte und allem gewachsene Kassiererin aus meiner Tageszeitung, die mich seit mehr als einem Jahrzehnt durch meinen Alltag begleitet.

Diese Frau hat so gar nichts mit ihr zu tun. Nicht nur in Statur und Frisur unterscheidet sie sich von der robusten Frau Grdjic. Ihre Ausstrahlung ist es, die Unbehagen in mir weckt. Sie strahlt überhaupt nicht. Zwar ist sie extrem effizient – man kommt fast nicht nach mit Gucken, so schnell scannt sie ein, nimmt das Geld entgegen und gibt das Rückgeld heraus –aber sie hat etwas unheimlich Roboterhaftes an sich. Auch die Sätze, die sie mit einem gequälten Lächeln sagt, sind leere Hüllen, die sie den Kunden pflichtgemäss mit aufs Band legt; sie haben nichts zu bedeuten. Nicht für sie.

Mir hingegen erschliesst sich unvermittelt eine Bedeutung und plötzlich schäme ich mich. Schäme mich, dass ich insgeheim ein bisschen Angst davor habe, wieder einen festen Job zu haben, der von nun an meinen Tagesablauf bestimmen wird. Wo der Job doch interessant, inspirierend, abwechslungsreich und bereichernd ist. Mich vielleicht fordern, aber auch fördern wird. Ein Job, wird mir dankbar klar, der Leben gibt und nicht Leben nimmt.

Auch die Kunden vor und nach mir sind auffallend freundlich zu der Kassiererin. Einer, ein älterer Herr, versucht es gar mit einer humoristischen Einlage, die aber an der zombiehaft wirkenden Frau abprallt. Das Mitgefühl schwappt an ihr hoch, doch die wohlmeinenden Worte dringen nicht bis zu ihr durch. Sie prallen an der Mauer, die sie um sich herum errichtet hat, ab.

Die Mauer hält. Wie lange noch?

Dieser Beitrag wurde unter dazwischen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Die andere Mauer

  1. Flohnmobil schreibt:

    Also eines ist sonnenklar: Du bist so ziemlich die Letzte, von der ich mir vorstellen kann, dass sie zombiehaft ist. Keine Bange also vor Neuem. Du wirst das packen!

  2. schreibschaukel schreibt:

    Die Chancen stehen gut; ich muss die Schüler ja auch nicht einscannen, gell 😉

  3. Anhora schreibt:

    Bin gar nicht mehr auf dem Laufenden … 😦 Du fängst wieder an zu arbeiten? Als hättest du bisher nichts gearbeitet! Ach so, du arbeitest jetzt wieder für Geld. Ich wünsch dir alles Gute dabei! Man gewöhnt sich schnell daran. 🙂

  4. schreibschaukel schreibt:

    Vielen Dank für die guten Wünsche.
    Dass ich bisher auch nicht gefaulenzt habe, sehe ich daran, was bis zum Abend so alles liegenbleibt… 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s