Kalter Schreck

Obwohl ich manchmal denke, ich hätte bahnbrechende Fortschritte gemacht und sei mittlerweile eine entspannte, gelassene Mutter – so ist es ja nicht. Gut, ich schreibe keine mehrseitige Gebrauchsanleitung mehr, wenn der Teenager mal auswärts nächtigt und beim Planen der Sommerferien, die der Teenager ohne uns zu verbringen gedenkt, rutscht mir nicht vor Schreck gleich das Herz in die Hose. Man könnte also sagen: Ich bin schon ziemlich abgebrüht, was die Sache mit der Abnabelung angelangt. Was ja auch gut ist, schliesslich wird der Teenager demnächst „sweet sixteen“ und mit jeder Minute selbständiger.

Ich bin also auf gutem Weg, eine entspannte, gelassene Mutter zu werden. Ich bin so entspannt und gelassen, dass ich nicht mit der Wimper zucke, wenn mich das Kind zwei Tage vor Sylvester wissen lässt, es gedenke, den Abend bei Freunden zu verbringen. Schliesslich wolle es sich ja ein bisschen amüsieren. An Sylvester. Kurzerhand bestelle ich das überzählige Premierenticket ab, tätschle ihm wohlwollend die Schulter und bin stolz auf mich. Bin ich nicht eine entspannte, gelassene Mutter?

Gestern allerdings bekam mein neues Selbstverständnis als entspannte, gelassene Mutter einen empfindlichen Knacks. Es hatte damit begonnen, dass mir beim Aufwachen mein Traum noch sehr lebhaft in Erinnerung war. Darin hatte ich den Teenager, der aber erst so um die zwei Jahre alt war, in den Armen gehalten und ihn in den Schlaf gewiegt. Das Gefühl des vertrauensvoll an mich gelehnten Köpfchens, diese absolute Hingabe und Unschuld – ich meine, Hand aufs Herz, wann sind Kleinkinder anbetungswürdiger, als wenn sie schlafen?! – nicht zu fassen. Noch immer in dieses warme Gefühl eingehüllt, machte ich mich daran, eine Arbeit zu lesen, die sich mit dem Thema „Schüleraustausch“ befasst. Eine gute Sache, so ein Schüleraustausch, denn die Erfahrungen, die ein sechzehnjähriger Teenager macht, wenn er ein Jahr oder auch nur ein halbes Jahr in der Fremde verbringt, sind unbezahlbar. Mit leicht schlechtem Gewissen erinnerte ich mich daran, dass ich dem Teenager die Sache mit dem Austausch, als sie vor einem Jahr zur Diskussion stand, ausgeredet hatte. Er sei als Jüngster der Klasse noch nicht dafür gewappnet, allfällige Schwierigkeiten in der Fremde zu meistern, dafür fehle ihm die nötige Reife, hatte ich befunden. Aber gut, vor einem Jahr war ich natürlich auch noch nicht so eine entspannte, gelassene Mutter – man lernt ja ständig dazu, nicht wahr?

Der Zufall wollte es, dass der Teenager gerade gestern, als ich mich mit dem Thema Schüleraustausch beschäftigte, eine seiner liebsten Freundinnen traf. Für lange Zeit zum letzten Mal, was ihn ein wenig traurig stimmte, denn in wenigen Tagen wird sie verreisen. In den Schüleraustausch.

Als ich mir vorstellte, es wäre der Teenager, der verreisen würde, weg von uns, sehr weit weg, für ein halbes Jahr oder länger, da lief es mir kalt den Rücken hinunter. Bei der blossen Vorstellung, wohlgemerkt. Nein, beschloss ich, reifemässig wäre der Teenager noch nicht so weit, auf gar keinen Fall.

Oder liegt es womöglich daran, dass ich doch nicht so eine entspannte, gelassene Mutter bin?

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2 Antworten zu Kalter Schreck

  1. wildgans schreibt:

    vielleicht ist es besser für alle, eine entspannte, loslassende mutter zu sein?
    wir ließen unsere tochter mit knapp 16 für ein jahr in die staaten. zuerst war es die untragbare gastfamilie- da hat sie sich auf eigene faust eine neue gesucht. sie ist sehr gewachsen daran- und nun schon wieder drüben, für länger. zum ersten jahr im teenager-alter will ich noch sagen: wir entließen ein kind, eine erwachsene, gewachsene kam zurück!
    es ist zwar schmerzlich, hat aber ungeheures potential an leben- und wenn es ein wunsch des kindes ist, in die welt zu gehen, sollte man es meiner meinung nach nicht stoppen….
    gruß von sonja

  2. Renate schreibt:

    Damit hast du sicher Recht. Trotzdem bin ich froh, dass es den Teenager selber derzeit auch noch nicht in die grosse weite Welt zieht… 😉 Ist natürlich bloss eine Frage der Zeit.

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