Mehr oder minder

Am Tag nach der Abstimmung herrscht in der Schweiz, entgegen dem jahrhundertealten Vorsatz „ein einig Volk von Brüdern“ zu sein, Aufruhr. Die Linken beschimpfen die Rechten, die Rechten die Linken und die in der Mitte schimpfen kräftig mit. Wie das so ist in einer direkten Demokratie denn, lasst es euch gesagt sein, liebe Nachbarn, mit der direkten Demokratie ist das nicht so einfach. Es beginnt schon mit dem Ausfüllen des Stimmzettels, der doch einige Anforderungen an den Stimmbürger stellt. Es geht schliesslich nicht bloss darum, ein Kreuz zu machen, NEIN, wo das Kreuz hinkommt ist das, was zählt. Aufgrund des Vorlagentexts ist das aber nicht immer jedem klar und schon manch einer hat sich nach einer Abstimmung gewundert und war insgeheim peinlich berührt: Hat er das Kreuz womöglich am falschen Ort gemacht?

Die nächste Hürde besteht in der Abgabe des Stimmcouverts, die sich nicht immer mit den persönlichen Terminen vereinbaren lässt. Auch wenn man im Vorfeld der Abstimmung schriftlich abstimmen könnte – man muss es eben tun. Kein Wunder liegt die Stimmbeteiligung meistens unter fünfzig Prozent und nur bei ausgewählten, wichtigen Abstimmungen wie gestern bei satten 52.6 Prozent. Wenigstens sind es seit 1972 nicht bloss die Frauen, die nicht stimmen, weil sie nicht dürfen. Heutzutage dürfen sie nämlich. Heute darf jeder, der 18 ist, bloss will offenbar nicht jeder, ja, es wollen je länger je mehr nicht mehr und da muss man sich natürlich fragen wieso.

Dass der Schweizer* sich nicht an die Urne bewegt, kann verschiedene Gründe haben, ohne dass die Liste vollständig wäre, zum Beispiel folgende:

*Hier ist natürlich auch die Schweizerin gemeint, die auch stimmen darf, aber der Einfachheit halber bleibe ich bei der männlichen Form. Das funktioniert sonst auch tadellos.

  • Er hat das Couvert aus Versehen mit dem Altpapier (aus dem es ökologisch sinnvoll auch hergestellt ist) entsorgt.
  • Er hat keine Zeit, sich zu befassen, schliesslich will er in seiner knapp bemessenen Freizeit nicht noch Vorlagentexte studieren.
  • Er denkt nicht daran, dass er brieflich abstimmen könnte.
  • Er vergisst am betreffenden Tag, das Couvert zur Urne zu tragen.
  • Als er aufwacht stellt er fest: Das Stimmbüro ist schon geschlossen.
  • Er könnte es zwar noch rechtzeitig schaffen, sieht aber so verknittert aus, dass er lieber doch daheim bleibt, weil er noch keine anderen Menschen erträgt.
  • Er weiss nicht, was er stimmen soll.
  • Er weiss zwar, was er stimmen möchte, zweifelt aber daran, ob es das Richtige ist, also lässt er es bleiben.
  • Er findet, die da oben machen ja doch was sie wollen, was soll denn das und die können ihn jetzt mal.
  • Er hat die Erfahrung gemacht, dass in neun von zehn Fällen die Abstimmung entgegen seinem eigenen Wunsch verläuft und schliesslich resigniert. Es bringt ja doch nichts.

Gefühlsmässig zähle ich mich zur letzten Gruppe, obwohl ich noch nicht so weit bin, dass ich resigniert habe. Schliesslich kommt in einem von zehn Fällen die Abstimmung so heraus, wie ich mir das gewünscht hätte, und dafür lohnt es sich allemal, die anderen neun Mal einzustecken. Ich fühle mich aber auch nicht als Verlierer; das wäre völlig falsch. In einer direkten Demokratie gibt es keine Verlierer, es gibt nur eine Mehrheit und eine Minderheit. Lieber gehöre ich zur Minderheit als zur Mehrheit der Schweizer, die gar nicht stimmen geht…

Und zur anderen will ich – jedenfalls heute – auch nicht gehören.

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