Kompromiss

Nein, wandte der Teenager ein, da hätte ich etwas Grundsätzliches falsch verstanden. Ich sei noch weit davon entfernt, eine coole Mutter zu sein, aber – immerhin das – auf dem Weg, eine zu werden, die einigermassen okay sei. Dieses Zugeständnis rang er sich ab, nachdem ich ihm erlaubt hatte, am Abend mit seinen Freundinnen in der Stadt abzumachen, ganz so, als sei er nicht erst demnächst 16, sondern schon weit über 18. Cool wäre ich, wenn es mir egal wäre, wann er wieder nach Hause kommt und was er so treibt, wenn er „mit seinen Freundinnen“ unterwegs“ ist. Da dem nicht so ist, überhaupt nicht, wäre „cool“ unangemessen, aber immerhin reicht es für das Prädikat „auf dem Weg zu Besserung“.

Vorausgegangen ist dieser Einstufung ein kleiner Zusammenstoss, den wir unlängst hatten, als der Teenager längere Zeit weder auftauchte noch erreichbar war. Klar hatte er mir gesagt, dass er am freien Nachmittag noch kurz in der Stadt bleiben würde. Als ich mich aber um halb sechs langsam zu fragen begann, wo mein Kind abgeblieben war und selbiges nicht ans Telefon ging, reagierte ich panisch. Panisch zu reagieren beinhaltet, zur grossen Freude des Teenagers, sämtliche der in meinem Natel gespeicherten Telefonnummern seiner Freundinnen anzurufen und sie zu löchern, ob SIE vielleicht wüssten, wo der hauseigene Sprössling stecke. Es ist dies eine erprobte und sichere Methode um für längere Zeit grossen Unmut bei seinem Kind zu wecken, der aus der allgemeinen Erheiterung unter den Freundinnen resultiert. Erstaunlicherweise funktioniert sie aber einwandfrei, denn fünf Minuten nach Starten des Telefonalarms hat man plötzlich das gesuchte Kind an der Strippe, samt Unmut natürlich.

Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte – das Kind war weder entführt noch ermordet worden, es lebte noch – besann ich mich auf meine erzieherischen Qualitäten. Drohungen und Strafe schaden oft mehr, als sie nützen, also ging ich die Sache anders an. Als der Teenager kleinlaut, genervt und in Erwartung eines Donnerwetters vierzig Minuten später durch die Tür trat, traute er seinen Augen nicht. Ihm zu Ehren hatten wir einen kleinen, spontanen Apéro inszeniert, aus Freude darüber, wie wir uns umgehend zu deklarieren beeilten, dass unser Kind unversehrt sei.

Diese Methode kann ich ebenfalls empfehlen, ja, ich werde sie womöglich patentieren lassen. Als der Teenager das nächste Mal ausging, herzte er mich beim Abschied wärmstens und versprach mir, mich nach der Schule, vor dem Film, in der Pause, nach dem Film und im Zug anzurufen.

Deshalb darf er heute auch in die Stadt, als wäre er schon älter als noch nicht ganz 16. Allerdings rate ich davon ab, heute Abend bei uns anzurufen; die Leitung wird mehrheitlich besetzt sein.

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4 Antworten zu Kompromiss

  1. Flohnmobil schreibt:

    Wie nennt man so etwas – „Gluggere“?
    Ging es uns nicht genauso, als wir noch jung waren. Mein Gott, ist das lange her…

  2. Renate schreibt:

    Ja, schon – aber früher, da war doch alles GANZ anders… 😉

  3. Philippe schreibt:

    Das muss ich auch probieren! Hoffentlich kommt Lina bald mal zu spät. Der Sekt ist schon mal kaltgestellt. Notfalls würden wir dann halt ihre Pünktlichkeit feiern.

  4. Renate schreibt:

    Die Methode funktioniert tadellos. Gut, dass ich das nicht zu unseren Lehrerzeiten gemerkt habe… 😉

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