Gut oder schlecht?

Morgen, hat mich der Teenager wissen lassen, werde er nach der Schule nicht nach Hause kommen, da müsse er unbedingt und sofort ins Kino, um sich den neuen Harry Potter Film anzusehen. Schon der schulisch bedingte 24-stündige Aufschub dieser Aktion schien ihn im höchsten Masse zu betrüben. Mich betrübt die Sache auch ein bisschen, weil nun die Zeiten endgültig vorbei sind, wo der Teenager sich den Film zusammen mit mir ansieht – er hat jetzt auch ohne mich Zutritt. Zusammen mit Harry, Hermine und Ron ist er unversehens gross geworden und jetzt habe ich den Salat. Wer geht jetzt mit mir hin?!

Andererseits …ich kenne das Ende und weiss, dass die Filme, so gern ich sie mir auch angesehen habe, nie ans Buch herankommen. Und hier schlage ich mich nun in unserer Welt, wo streng in gut und böse geteilt wird, eindeutig und offiziell auf die Seit der Harry Potter Fans.

Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als ich vor 11 Jahren zusammen mit ein paar Taschenbüchern auch noch diesen Titel erstand, der seit geraumer Zeit in aller Mund war. Meine Lust, einen Fantasyroman für Jugendliche zu lesen hielt sich in Grenzen, aber da ich mich als Lehrerin und in meiner neuen Funktion als Mutter auf dem Laufenden halten wollte, nahm ich es mit in des Teenagers erste Skiwoche, wo ich viel Zeit zum Lesen hatte, wenn mein Kind abends um neun jeweils schon im Tiefschlaf lag. Als ich alle anderen Bücher durch hatte, griff ich schliesslich seufzend zur vermeintlichen Pflichtlektüre und siehe da – es war Liebe auf den ersten Blick.

Schon nach den ersten Seiten nahm mich die Geschichte um den kecken Zauberlehrling gefangen, tauchte ich ein in eine Welt voller Fantasie und Witz, in der Freundschaft, Loyalität und Wahrhaftigkeit den Kampf gegen das Böse aufnahmen und als ich das Buch nach der letzten Seit weglegte, erging es mir – übrigens noch oft in den nächsten Jahren – wie dem Titelhelden selber: Die Zeit bis zum Beginn des nächsten Schuljahres erschien mir zu lang. Anders als Harry, der ausserhalb der Schule noch nicht zaubern durfte, konnte ich am Zeitrad drehen. Das nächste Buch war schon auf dem Markt, und auch das dritte liess nicht lange auf sich warten. Wie sehr ich danach schon mit dem Virus infiziert war, zeigt die Tatsache, dass ich fortan das Geld für die Hardcoverausgabe aufwarf. Mein Leiden erreichte den Höhepunkt, als ich mir die letzten zwei Bände jeweils schon im Voraus bestellte, um sie mir mitten in der Nacht mit der „Muggle-Post“ ins Haus liefern zu lassen.

Worum es in den sieben Bänden geht, muss ich nicht erwähnen. Deren Inhalt ist – im Gegensatz zur Bibel – allen bekannt. Vielleicht war dies der Grund, dass das Buch in religiösen Kreisen sehr ungnädig aufgenommen wurde, was ich nie verstanden habe. Sind es doch exakt unsere christlichen Werte, die darin schon fast klischeehaft transportiert werden. Dass sich das Ganze in einer erfundenen Parallelwelt abspielt ist ein genialer Einfall von J.K. Rowling, die ich für ihre grenzenlose Fantasie bewundere. Anders als vergleichbare Entwicklungsromane wird dieses Buch auch in ein paar Jahrzehnten noch aktuell sein, weil es nicht in unserer Welt spielt, wo bis dann alles veraltet sein wird. Die Grundthemen bleiben nämlich immer dieselben und haben sich seit der Antike nicht gross geändert…

Für mich als Mutter war es zusätzlich spannend, die drei Hauptprotagonisten durch Kindheit und Pubertät zu begleiten – dem zukünftigen Teenager immer einen Schritt voraus. Gefährlich wurde es bloss ein einziges Mal in einem Buchladen. Als mir die Verkäuferin den neusten Potter unterjubeln wollte, erklärte ich ihr freundlich, ich hätte die englische Ausgabe schon vor drei Monaten gelesen, worauf sie mich unter Waffengewalt bedrohte, ihr das Ende zu verraten. Einmal wenigstens im Leben habe ich das richtige getan, der Gefahr ins Auge gesehen und es – nicht getan. Darauf bin ich heute noch stolz.

Ich werde auch hier das Ende nicht verraten, nur so viel: Nicht immer ist das Gute gut und das Schlechte schlecht. Aber so ist es ja oft im Leben, weshalb man vorsichtig sein möge in seinen Urteilen.

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