Beruf und Berufung

In meinem Büchergestell gibt es zwei Sorten von Büchern. Solche die, obwohl wenigstens einmal gelesen, aussehen wie neu und die anderen.

Mit den anderen verhält es sich wie mit sehr guten Freunden: Man hat nicht ganz so viele davon, wie ein durchschnittliches Facebook-Profil vermuten lässt. Dafür sind sie besonders wertvoll und werden im Laufe des Lebens immer wieder zu Rate gezogen, was sie mit der Zeit etwas unansehnlich werden lässt. Die Bücher natürlich – nicht die Freunde.

Ein solches Buch, das schon jetzt, nach nur wenigen Wochen aussieht, als hätte ich es im Antiquariat erstanden, fällt zusätzlich dadurch aus dem Rahmen, dass es eigentlich ein Sachbuch ist. Wo mein Herz doch sonst eher für die Belletristik schlägt, für Bücher, die man erst aus der Hand legt, wenn man das Ende kennt.

Wie man sich doch täuschen kann! Klar hatte mich der Titel neugierig gemacht, aber dass mich dieses Buch so um den Finger wickeln würde, dass ich mich zwingen musste, es nur in kleinen Etappen zu lesen um es im richtigen Mass auf mich wirken zu lassen…

Über 70 Interviews sind darin enthalten, Gespräche mit ganz verschiedenen Menschen, denen eines gemeinsam ist: Sie haben ihre Berufung gefunden. Ist das nicht unser aller Traum? Einer Tätigkeit nachzugehen, bei der es nicht einfach darum geht, Geld zu verdienen, Leistung zu erbringen, Erwartungen zu erfüllen sondern wo wir uns einbringen können, etwas tun, was uns erfüllt? Verdienen wir das nicht alle, irgendwie?

In den Schoss gelegt wird das aber den wenigsten, das wird im Verlaufe der Lektüre schnell klar. Oft sind Brüche im Leben die Ursache für fruchtbare Veränderungen, manchmal selber herbeigeführt, aber eben nicht immer. Mit zunehmender Faszination „hört“ man zu, wenn diese Menschen erzählen, wie und warum sie zu ihrer Berufung gekommen sind und welche Erkenntnisse sie auf ihrem oft steinigen Weg gewonnen haben. Dieses Buch ohne Stift in der Hand zu lesen, ist völlig unmöglich, denn so manchen Satz möchte man sich am liebsten übers Bett hängen, um ihn auch ja nie mehr zu vergessen.

Dass die Essenz aus den jeweiligen Lebenswegen so klar und verständlich ins eigene Bewusstsein dringt, ist der Feinfühligkeit von Mathias Morgenthaler zu verdanken, der die Gespräche geführt hat. Der erfahrene Journalist und Redaktor stellt die richtigen Fragen im richtigen Moment, weist augenzwinkernd auch mal auf eine Ungereimtheit hin, hinterfragt wo nötig, ohne je verletzend zu sein und hält sich dennoch angenehm im Hintergrund, was ja nun leider nicht jedem seiner Berufskollegen gelingt. Er tut das natürlich auch nicht erst seit gestern, sondern seit über zwölf Jahren Woche für Woche, was zu mittlerweile über 600 Interviews geführt hat. Ein kleiner Teil der so entstanden Porträts wurde jetzt in dem Buch „Beruf und Berufung“ zusammengefasst, wo uns die interessanten Kurzbiografien mit ganz verschiedenen Menschen zusammenführen. Da ist einerseits der ältere Scherenschneider, der seit Jahrzehnten in seinem „Stübli“ arbeitet und sein Dorf kaum verlässt und andererseits die junge, unkonventionelle Musikerin, die überall auf der Welt arbeiten kann, solange sie nur ihre Sachen dabei hat und sich selber verbunden bleibt. Und dann gibt es noch ganz viel dazwischen, auch zwischen diesen Buchdeckeln, weswegen es sich wirklich lohnt, sie zu öffnen!

Muss man sie eines schönen Tages doch wieder – wenigstens vorübergehend – schliessen, dann ist das nicht weiter schlimm. Man speichert unter seinen Favoriten einfach die Adresse des Blogs „Beruf und Berufung“ ab und kommt so jede Woche in den Genuss eines neuen Interviews. Und vielleicht … vielleicht kommt man irgendwann so auch auf die Idee, nach der eigenen Berufung zu suchen.

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11 Antworten zu Beruf und Berufung

  1. wildgans schreibt:

    eine buchbesprechung, die in mir sofort das habenwollen auslöste….tausend dank dafür! gruß von sonja

  2. runningtom schreibt:

    Vielen Dank für den Tipp. Für das Lesen des Buches fehlt mir ein bisschen die Zeit. Den Newsfeed hab ich aber gleich in mein Outlook eingetragen.

  3. Hausfrau Hanna schreibt:

    Und vielleicht, vielleicht ist es auch gar nicht nötig nach der Berufung zu suchen wie nach Ostereiern. Sondern sie findet einen.
    Herzlich grüsst
    Hausfrau Hanna

    PS. Und das Buch habe ich notiert. Das muss ich lesen. Unbedingt 🙂

  4. Renate schreibt:

    Das hat was. Man darf sich bloss nicht zu sehr verstecken…
    Herzlich willkommen auf der Schreibschaukel 🙂

  5. wildgans schreibt:

    das buch ist leider ganz schön teuer- so habe ich es erstmal auf meine wunschliste gesetzt und schaue mir mal den link näher an….

  6. Renate schreibt:

    …finde ich vernünftig … und falls du doch noch Lust darauf bekommst – schreib’s doch auf den Weihnachswunschzettel 😉 . Oder mach es der örtlichen Bibliothek schmackhaft.

  7. Anhora schreibt:

    Das passt ja zu „Nachtzug aus Lissabon“, das ich gerade gelesen habe. Deine Beschreibung macht mich neugierig, und ich werd wohl – obwohl Stapel von Büchern hier gelesen werden wollen – eine Ausnahme machen und mir wieder mal eins kaufen. Dieses!

    Liebe Grüße
    Anhora

  8. Pingback: Kleiner Schubs | Schreibschaukel

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