Hudelwätter

Heute hat er sein wahres Gesicht gezeigt nachdem er schamlos die Blätter fallen liess und jetzt kriegen wir die volle Breitseite des „anderen“ Herbstes ab. „Hudelwätter“ nennt man es hier und das trifft den momentanen Ausnahmezustand vor der Tür ziemlich gut.

Obwohl: Irgendwie ist es ja auch schön. Nach Hause zu kommen, sich der nassen Sachen zu entledigen und die wohlige Wärme der eigenen vier Wände überzustreifen. Ein paar Kerzen anzuzünden, schöne Musik zu hören, sich eine Tasse Tee zu gönnen. Wann hat man das zum letzten Mal getan? Wann hat man es – noch viel wichtiger – so zu schätzen gewusst?

Während ich mir die Hände an der Tasse wärme, kreisen meine Gedanken um die Tatsache, dass es drinnen umso gemütlicher ist, je mehr es draussen „hudelt“. Diese offensichtliche Gesetzmässigkeit, wenn auch noch weitgehend unerforscht, scheint auch bei inneren und äusseren Angelegenheiten im grösseren Rahmen zu greifen. Mir fallen Persönlichkeiten ein wie Aung San Suu Kyi, die birmanische Oppositionsführerin (deren weiteres Schicksal sich in diesen Stunden entscheidet), Nelson Mandela, Gandhi, der Dalai Lama und viele andere, die nicht mit Hass auf das ihnen widerfahrene Unrecht reagierten, sondern mit Weisheit und positiven Gedanken. Bewegend auch die Tagebücher der holländischen Jüdin Etty Hillesum, die – obwohl unter schwierigen und hoffnungslosen Umständen geschrieben – ein Zeugnis von grenzenloser Menschenliebe und Lebensfreude sind.

Und so frage ich mich, nicht zum ersten Mal, ob vielleicht das „Hudelwätter“ eine Voraussetzung dafür ist, das Innere zum Strahlen zu bringen. Und ich denke darüber nach, ob es jetzt gut oder schlecht ist, dass wir hierzulande ganz selten so richtiges „Hudelwätter“ haben; so selten, dass wir unser Innenleben manchmal sträflich vernachlässigen.

Zugegeben, es ist natürlich keine Kunst, bei Kerzenlicht und schöner Musik und Tee über solche Gesetzmässigkeiten nachzudenken…

Aus dem Tagebuch von Etty Hillesum:

… All das ist ein Teil des Lebens, und trotzdem ist das Leben schön und sinnvoll noch in seiner Sinnlosigkeit, wenn man nur allen Dingen einen Platz im Leben einräumt und das ganze Leben als Einheit in sich aufnimmt, so dass es dennoch zu einem geschlossenen Ganzen wird.

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2 Antworten zu Hudelwätter

  1. runningtom schreibt:

    ich staune immer wieder wenn ich Deine Posts lese, was Du alles kennst und weisst…
    Aber Wissen ist nicht alles…
    Wunderbar, wenn man sich solche Gedanken machen und sie dann noch zu Papier bringen, bzw. auf Bildschirme in der ganzen Welt projezieren kann!

  2. Renate schreibt:

    Oh, danke, DANKE!
    Jetzt muss ich aber aufpassen, dass ich hier nicht mit dem Kopf an die Decke stosse 😉

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