Aufgefahren

Heute will und will es wieder nicht werden mit dem Schreiben. Ich sage nur: Physik. Handyman. Teenager. Der Verbandskasten liegt bereit.

Ausserdem ging ich zu lange in anderen Blogs spazieren, war im Novemberschreibforum und habe so wieder den halben Abend vertrödelt. Aber was heisst vertrödelt? Ich geniesse es, zu lesen, was andere schreiben. Ich staune über die Ideenvielfalt und lasse mich davon inspirieren, selber ins Reich der Fantasie einzutauchen. Dann kann es mitten im öden Alltag passieren, dass ein Sonnenstrahl durch das scheinbar undurchdringliche Grau dringt und sich das Geschichtenkarussell zu drehen beginnt. So wie heute:

Ich bin auf dem Weg vom Altersheim, wo es bei meiner Mutter noch Bilder aufzuhängen galt, ins Spital zu Schwiegermutter, die keine Bilder mehr will. Traurig. Die Laune im Keller, das Lichtsignal natürlich auf Rot – übliche verkehrsbedingte Amokläufergefahr, weswegen ich zur Sicherheit vorsichtshalber in den Rückspiegel gucke. Wo ich doch heute wieder vergessen habe, die schusssichere Weste anzuziehen. Sie steht mir nicht. Doch von hinten droht keine Gefahr. Eine junge, kurzhaarige, blonde Frau sitzt lachend und munter palavernd im dazugehörigen Kleinwagen. Ich gucke nochmals: Mit wem redet sie denn? Sie scheint sich ausgezeichnet zu unterhalten, doch ich kann beim besten Willen niemanden ausmachen, nicht mal ein auf dem Rücksitz festgezurrtes Kleinkind oder einen Pudel.

Endlich fällt der Groschen: Freisprechanlage. Mein Interesse ist jetzt aber trotzdem geweckt, zu gerne würde ich verstehen, was die Blonde sagt. Quatscht sie mit ihrer Freundin über den gestrigen Abend? Hat sie ihren neuen Lover am Apparat? Macht sie bei einer dieser unsäglichen Radioquizsendungen mit? Schwatzt sie jemandem eine Entkalkungsanlage auf? Telefoniert sie mit Mike Shiva?

Da wird es grün – ging eigentlich ganz schnell – ich fahre weiter, gucke aber dabei immer wieder in den Rückspiegel. Die Blonde fährt und redet auch weiter, immer ambitionierter, es muss ein wahnsinnig spannendes Gespräch sein. Je länger, desto schwerer fällt es mir, mich auf den Verkehr zu konzentrieren, ich überlege mir, ob ich mich umdrehen und das Auto rücklings steuern soll; die Strecke kenne ich ja.

Aus dem Augenwinkel nehme ich unbewusst eine Sonnenblume wahr, dann einen dunklen Schatten – bumms! – ich fahre auf den Vordermann auf. Er dreht sich um – ich denke noch einmal bedauernd an die schusssichere Weste – doofe Eitelkeit – der vorne blickt mich grimmig an und schreit etwas. Mit etwas gutem Willen könnte ich es glattwegs durch die Scheibe hindurch hören. Aber komischerweise will ich jetzt gar nicht wissen, was der da vorne mir zu sagen hat. Typisch.

Man kann diese kleine Geschichte mögen oder nicht (ich mag sie), aber ohne ausgiebiges Schlendern durch meine Lieblingsblogs gäbe es sie nicht.


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4 Antworten zu Aufgefahren

  1. Flohnmobil schreibt:

    Nun sag schon, hat’s wirklich gebumst oder hast du nur zu viele Räubergeschichten in den Blogs gelesen?

  2. Renate schreibt:

    Spüre ich da ein wenig Schadenfreude? 😉 Ich muss dich enttäuschen, das Auto ist intakt; die Kollision spielte sich bloss in meinem Kopf ab. Ich hab‘ auch noch nie versucht, rücklings zu fahren – könnte man eigentlich mal probieren – und eine schusssichere Weste besitze ich auch nicht.
    Sonst ist aber alles wahr!

  3. Menschmenschmensch. Duuuu hast immer noch einen Führerschein??!!!!???

  4. Renate schreibt:

    Ja, gute Frage, hab‘ ich überhaupt noch einen? Egal: Ohne fährt es sich auch ganz flott. Man ist dann etwas unbeschwerter…

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