Albtraum in Lachs


Ich hatte die Erinnerung daran verdrängt, das Bild aus meinem Gedächtnis getilgt. Doch jeder wird ab und zu von seiner Vergangenheit eingeholt, und so kam es mir eines Tages wieder in die Finger. Ganz zuhinterst im Plastikschrank auf dem Estrich, säuberlich verstaut in einer Plastikhülle, hatte das Kleid darauf gewartet, wiederentdeckt zu werden. Offenbar war ihm das Warten zu lang geworden, und es hatte sich schon mal vom Bügel gemacht. Als ich den Reissverschluss der Hülle öffnete, stiess ich ganz unten auf einen jämmerlichen Haufen zerknitterter Seide. Bloss die Farbe, eine unschöne Mischung aus Lachs und Pink, hatte nichts von ihrer Scheusslichkeit eingebüsst.

Bereits vor Jahren hatte mich der Anblick des Kleides erschüttert, aber ich hatte tapfer gelächelt und es mit den Worten „wirklich schön“ entgegengenommen. Für Freundinnen springt man schon mal über seinen Schatten, und immerhin gedachte die meinige zu heiraten. Das tat sie mit allen Schikanen, und dazu gehörte zu meinem Leidwesen auch eine Brautführerin im rosafarbenen Kleid. Da sie über die nötigen Quellen verfügte, liess sie mein Outfit in einem fernen Land massschneidern. Die Tatsache, dass das weitgereiste Stück passte wie angegossen, beeindruckte mich, das muss ich zugeben. Ansonsten war ich eher befremdet.

Das Kleid, aus Seide gefertigt, hatte ungeheure Ausmasse. Zwei Unterröcke, der eine aus versteiftem Nylon, sorgten dafür, dass der Rock weit herausstand. Die Hüfte, tief geschnitten, war mit einer breiten Schärpe verziert, welcher eine überdimensionale Masche anhaftete. Der damaligen Mode entsprechend waren die Schultern gepolstert, was mir mit meiner sowieso eher sportlichen Figur das Aussehen eines Rugby-Spielers verlieh. Zusammen mit dem halblangen Rock ergab das ganz erstaunliche Proportionen, welche die Trägerin – also mich – nicht sehr graziös aussehen liessen. Jetzt, über zwanzig Jahre später wollte ich es wissen. Passte mir das Teil noch? Man ist ja nicht frei von Eitelkeit … Tatsächlich, wie ehemals umschloss es meine Figur perfekt. Mein Spiegelbild holte mich aber sogleich wieder auf den Teppich zurück und ich konnte nicht umhin zu bemerken, dass nicht nur das Kleid, sondern auch der Inhalt leicht zerknittert war. Ich sah noch schlimmer aus als damals. Schnell wand ich mich aus dem seidenen Albtraum heraus.

Anders an jener Hochzeit. Einen ganzen Tag lang musste ich das Kleid aushalten, wo ich doch sonst nur Hosen trug. Als Brautführerin stand ich zudem ziemlich im Mittelpunkt. Ich kam mir vor wie ein übriggelassenes Weihnachtsgeschenk. Was Wunder, das ich ausgerechnet an jenem Tag stockheiser war. Man muss kein Psychologe sein, um zu erkennen: Es hatte mir die Sprache verschlagen. Damals beschloss ich, vorläufig nicht zu heiraten.

Mittlerweile habe ich es übrigens doch getan. In Jeans und Turnschuhen. Und wenn es vielleicht auch nicht der allerschönste Tag in meinem Leben war, so kann ich doch mit gutem Gewissen behaupten: Er war wirklich ganz okay.

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6 Antworten zu Albtraum in Lachs

  1. Flohnmobil schreibt:

    Da ich seit dem Erscheinen des damaligen Zeitungsartikels und dieses Posts das überaus grosse Vergnügen hatte, dich persönlich kennen zu lernen, weiss ich umso mehr, wie grauenhaft die Sache mit dem rosa Albtraum für dich gewesen sein muss.

  2. Tamar schreibt:

    Habe fast Tränen gelacht, als ich deinen Albtraum sah! 😀

  3. wholelottarosie schreibt:

    Oh…welch ein faszinierendes Retro-Stück! Man kann sich kaum vorstellen, dies einen ganzen Tag lang unter den Augen von Dutzenden von Hochzeitsgästen zu tragen. Obwohl….manche „festliche“ Kleidung ist auch heutzutage noch diesem „Albtraum“ gar nicht mal so unähnlich.
    Liebe Grüße von Rosie

  4. Renate schreibt:

    Du sagst es. Darum vermeide ich „solche“ Feste, wenn es sich machen laesst.

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