Eile mit Weile

Als Hausfrau habe ich das Privileg, mir meine Zeit selber einzuteilen. Das ist schön. Allerdings habe ich das mit der Einteilung nicht immer im Griff. Meistens beginnen meine Tage geruhsam, gewinnen allmählich an Tempo, münden in Hektik und enden mit einem Speed Finale.

Stehe ich gezwungenermassen um halb sechs Uhr auf, dann habe ich Zeit in Hülle und Fülle. Ich kann in aller Ruhe frühstücken, die Zeitung lesen, den Sonnenaufgang geniessen oder (Skandal!) mich nochmals hinlegen. So wie heute.

Kurz nach neun radelte ich zum Bahnhof im Nachbarsdorf, genoss den frischen, aber sonnigen Morgen und fand: Das Leben ist schön. Am Bahnhof wurde es noch schöner, weil meine Freundin, die eigentlich meine Nachbarin, aber eben auch meine Freundin ist, zu mir stiess. Wir hatten wie jeden Montag dasselbe Ziel und es war ein schönes, lohnenswertes, nämlich die Yogastunde zum Wochenbeginn.

In der Yogastunde ist es selbst dann schön, wenn es nicht schön ist, aber weil es heute tatsächlich und extrem schön war, war all das Schöne schon fast nicht mehr auszuhalten. Im völligen Einklang mit mir selber schwebte ich nach eineinhalb Stunden hinaus und spazierte zum nahen See, um die Wartezeit in der Sonne, am Wasser, bei den Schwänen, zwischen vielen anderen glücklichen Menschen zu verbringen. Der Weg zum Bahnhof gestaltete sich ruhig, besonnen, geniesserisch, erfuhr aber jäh und abrupt eine Zäsur. Das war der Moment, als der Zug von meinem Finger glitt, mit dem ich vergeblich versucht hatte, die Tür zu öffnen. Zu spät. Nun ja. Es war schliesslich Montag. Nach der Yogastunde. Wegensowasärgereichmichdochnicht. Eine weitere halbe Stunde in der Sonne war mir geschenkt worden.

Zu Hause angelangt konstatierte ich, dass mir eine halbe Stunde fehlte. Schnell ein bisschen da auf- und dort weggeräumt und schon war ich wieder unterwegs zu meiner Mutter. Allzu lange konnte ich dort aber nicht bleiben, weil ich noch einkaufen und nach Möglichkeit vor dem Teenager wieder zu Hause sein musste.

Der hatte wie meistens eine Stärkung und meinen Zuspruch nötig. Während er zulangte, raufte er sich die Haare und schüttelte wieder und wieder sein Haupt. So lange hätte er gestern über den Geschichtsblättern gebrütet, dabei sei ihm an der heutigen Prüfung ein völlig neuer Text vorgelegt worden, den er nicht verstanden hätte, die Fragen leider auch nicht und ob der Lehrer wiederum etwas mit seinen Antworten anfangen könne – also, das wisse er jetzt auch nicht.

Nachdem ich den Teenager abgefertigt und mit seinen Hausaufgaben ans Pult gekettet hatte konnte ich endlich produktiv werden. Der Rasen musste mal wieder gemäht werden. Die Sonne stand schon tief, ich mähte und mähte und mähte noch mehr (wieso haben wir auch so einen grossen Garten, verdammt) und während ich noch mähte, überschlug ich kurz, was der Kühlschrank hergeben würde. Ich räumte das Gartenzeug weg, kochte, ass mit der Familie, versprach dem gestressten Teenager, für ihn die in der Schule angekündigten Cupcakes zu backen (wo ich doch sonst höchst selten backe), tat das auch, während ich sein Englisch Referat abhörte, merkte aber – Mist – es hat keine Eier, riss nochmals mein Rad hervor um zum nahen Bauernhof zu pedalen, kriegte endlich den Teig in die klitzekleinen Papierdinger, konnte, während sie im Ofen waren, doch noch ein Auge auf die desperaten Housewifes werfen, lotste dann den Teenager ins Bett, verzierte und verpackte die Cupcakes, räumte die Küche auf um mich – endlich – an den Computer zu setzen und diesen Beitrag zu schreiben. Wenn ich Glück habe, geht er noch heute raus.

Es ist schön, dass ich meine Zeit selber einteilen kann, auch wenn ich ab und zu fürchterlich pressieren muss. Das macht nichts; morgen früh habe ich wieder Zeit in Hülle und Fülle.

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2 Antworten zu Eile mit Weile

  1. runningtom schreibt:

    Wozu brauch ich eine Uhr… ich hab ja Zeit…..

  2. Renate schreibt:

    Scheint in der Familie zu liegen 🙂

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