Beziehungsarbeit

Als ich kürzlich meine vollen Einkaufstüten zu meinem Auto zurückschleppte, merkte ich schon von weitem: Da war etwas faul. Während es mir sonst mal freudig zublinzelt, mich mal gleichgültig ignoriert (wie das bei langjährigen Paaren halt so läuft), drückte es sich jetzt betrübt, ja, ängstlich in seine eh‘ schon enge Parklücke und liess die Scheinwerfer hängen. Was war geschehen? Als ich die Tür öffnete, wurde mir alles klar, denn in der Klinke fand ich eine kleine, blaugelbe Visitenkarte. Sie war von einem gewissen Sämi.“ Autoankauf“, stand da. Und „Falls Sie jetzt oder später Ihr Auto oder Ihren Lieferwagen verkaufen wollen, dann rufen Sie uns bitte an“

Den Gewissenkonflikt, ob ich mein Auto sofort beruhigen, die Karte also demonstrativ auf den Boden schmeissen und ein bisschen darauf herumtrampeln , oder aber der Bitte des Herrn Sämi nachkommen sollte, der mich inständig bat, die Karte aus Sauberkeitsgründen NICHT auf den Boden zu werfen, entschied ich zugunsten der Umwelt. Ich warf die Karte auf den Beifahrersitz, um sie später zu entsorgen. Um die Dinge klarzustellen, führte ich auf dem Nachhauseweg ein ernstes Gespräch mit meinem Auto, denn Beziehungsarbeit ist das A und O einer langjährigen Beziehung.

„Mein liebes Auto“, sprach ich. „Wieso kommst du auf die Idee, ich könnte dich einem dahergelaufenen Herrn Sämi überlassen und dich gegen ein anderes eintauschen wollen? Habe ich dir nach unserem letzten Abenteuer nicht die Treue geschworen, bis dass der Tod uns scheidet (wenn ich auch insgeheim hoffe, es sei nicht meiner…)? Bin ich eine, die Äusserlichkeiten überbewertet? Klar hast du den einen oder anderen Kratzer. Hier ist der Lack ab, dort klappert es ein bisschen und die Klimaanlage, ja, wir wissen beide, die verdammte Klimaanlage hat nie funktioniert. Aber ich bitte dich. Nie würde ich dich gegen ein neueres Modell eintauschen. Bei dir weiss ich genau, woran ich bin. Ich muss nach all den Jahren, die wir nun gemeinsam durchs Leben gehen, nicht mit bösen Überraschungen rechnen. Mit guten vielleicht auch nicht – die Klimaanlage wird in diesem Leben wohl nicht mehr funktionieren – aber was soll’s. Auch, dass ich ab und zu, in ganz seltenen Momenten, an meine erste Liebe denke, kann dir egal sein. Wenn ich beim Anblick alter Bilder auch ins Schwärmen gerate: Ich bin schliesslich auch nicht mehr dieselbe, nicht wahr? Was damals war, war damals und was heute ist, ist heute. Wir haben es doch gut zusammen, oder?“

Zuhause angekommen, strich ich meinem Auto nochmals liebevoll über die Flanke und achtete darauf, die kleine Karte nicht liegenzulassen. „Siehst du?“, versprach ich, „die werde ich jetzt wegschmeissen. Du kannst dich also wieder einkriegen.“

Was mein Auto nicht weiss: Ich habe die Karte noch. Ich habe sie behalten, um diesen Post zu verfassen, als Erinnerung sozusagen. Beim Erinnern kamen mir übrigens noch ein paar andere Erinnerungen aber das gehört jetzt nicht hierher, die behalte ich schön in meinem Kopf. Die Karte aber, das habe ich mir vorgenommen, werde ich demnächst wegwerfen. Bald.

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10 Antworten zu Beziehungsarbeit

  1. Wenn ich das so lese, bedaure ich es ja fast, Single zu sein. Obwohl, die innige Beziehung, die ich mit meinen Fahrrädern führe, lassen sie durchaus auch als Lebensabschnittspartner gelten – ja, da hab ich gar eine Neigung zur Polygamie.

  2. Renate schreibt:

    Dann wünsche ich dir von Herzen, dass deine Lebensabschnittpartner pflegeleichter sind als meine Dauerbeziehung. Sonst gerät das Zeitmanagegement noch mehr ins Ungleichgewicht.

  3. wholelottarosie schreibt:

    Ja, wie schön doch solch eine Beziehung ( zu einem Gefährt) ist!!
    Man weiß immer, wo es ist ( nämlich dort, wo man es hingestellt hat), es wartet brav, bis man kommt, erfüllt die Wünsche nach Mobilität, lässt sich ohne Murren bepacken und manchmal sogar beschimpfen ( ohne Widerworte zu geben )…..ja, liebe Renate, ich kann deine Gefühle völlig nachvollziehen!
    Liebe Grüsse von Rosie

  4. Renate schreibt:

    Da hat mich wer durchschaut. 🙂 Mit dem Gefährten ist es manchmal etwas komplizierter.
    Ebenfalls liebe Grüsse.

  5. Anhora schreibt:

    Was für ein herrlicher Artikel, ich fühle mich so verstanden als Fahrerin eines 18 Jahre alten Toyotas! Es war zwar nicht ich, die ihn all die Jahre besaß, aber ich habe Ehrfurcht vor seinem Alter und würde meinen treuen Begleiter niemals schinden oder unmögliche Dinge verlangen wie etwa mit Vollgas einen Berg hoch zu jagen. Solche Sachen machen wir nicht. Wir mögen uns nämlich. Der Toyota und ich. 😉

  6. Renate schreibt:

    Ja, es ist erstaunlich, wie einem so ein Vehikel ans Herz wachsen kann. Als ich mich einst nach vielen Jahren endgültig von meinem „Döschwo“ verabschieden musste, hatte ich richtiggehend Liebeskummer! 😦

  7. Flohnmobil schreibt:

    Ich trau mich mit unserem 12-jährigen Subaru schon bald nicht mehr auf einen öffentlichen Parkplatz. Garantiert habe ich jedes Mal so eine Visitenkarte unter dem Scheibenwischer. Selbst vor der Haustür ist das schon mal passiert. Absolute Frechheit!
    Aber noch viel frecher finde ich, dass du mir eine Idee für einen Post weggeschnappt hast 😉

  8. Flohnmobil schreibt:

    Etwas anderes hättest du von mir ja auch nicht erwartet, oder?

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