Zangengeburt einer Schriftstellerin

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass meine überaschende, aber kurze Karriere als Schreiberling einen empfindlichen Knick bekam. Von der unterbezahlten Lokalkolumnistin zur unbezahlten Möchtegernautorin – darauf kann ich wohl nicht stolz sein.

Komischerweise bin ich es aber doch, wenn das auch seine Zeit dauerte. Schliesslich bin ich in einer Gesellschaft grossgeworden, in der die Leistung zählt. Das Ansehen. Der Kontostand. Dass man am Ende des Tages sagen kann: Meine Arbeit hat sich gelohnt. Aus diesem Grund fand ich es gar nicht lustig, als vor einem Jahr, die „Letzte“ (die Kulturseite des Tagi-Regionalteils) abgeschafft wurde. Sollte ich fortan über Gemeindeversammlungen, Kulturanlässe und dergleichen schreiben, damit wenigstens mein Name noch ab und zu in der Zeitung stehen würde? Die Arbeitsbedingungen – auch die Möglichkeiten – sprachen dagegen, die Lust dazu sowieso.

Weil ich vom Schreiben nicht lassen wollte, begann ich zu bloggen. Die Reaktionen darauf waren verschieden. Während die einen die Idee bescheuert finden (Hast du es nötig, dich dergestalt zur Schau zu stellen?) und allenfalls mit einer hochgezogenen Augenbraue reagieren, machen andere mir Komplimente und mich damit glücklich. Wenn ich feststelle, dass es Leser gibt, die per Zufall von der Schreibschaukel gehört oder darauf gestossen sind, so macht mich das sehr glücklich.

Im vergangenen Jahr habe ich, danach gefragt, was ich denn so mache (gemeint war natürlich, was ich so arbeite), verschämt geantwortet: Nicht viel zurzeit. Ich bin Hausfrau und ich schreibe. Mit anderen Worten, neben Familie, Haus und Garten fröne ich bloss meinem Hobby.

Damit ist mit dem heutigen Tag Schluss. Es ist mehr als ein Hobby, viel mehr (auf das alte Thema „Hausfrau“ mag ich gar nicht eingehen). Es ist, ich muss es zugeben, eine Obsession. Ich MUSS schreiben. Ich brauche es wie die Luft zum Atmen. Wer aber schreibt, will auch gelesen werden. Die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber ist ein wichtiger Teil der Motivation. Sie setzt Energien frei, die mich manchmal selber überraschen. Kürzlich habe ich für meine Mutter ein Buch mit einer Auswahl von Texten zusammengestellt, von denen ich dachte, sie könnten sie auch interessieren. Was soll ich sagen? Ich konnte nicht nur auswählten, ich hatte sozusagen die Wahl der Qual und könnte mittlerweile bereits Numero zwei folgen lassen. Dieses Aha-Erlebnis hat mir gezeigt: Ich habe nicht bloss ein bisschen meinem Hobby gefrönt. Ich war sehr produktiv in den letzten Monaten.

Und wie ist das jetzt mit dem Ansehen? Und mit dem Kontostand? Mein innerer Kritiker ist noch lange nicht niedergeknüppelt; er wird sich noch oft melden. Was die Sache mit dem Geld betrifft, hat er natürlich nicht unrecht. Abgesehen von den Einsparungen, die ich mache, weil ich während des Schreibens kein Geld für anderes ausgeben kann, verdiene ich nichts bei der Sache. Es ist ein grosses Privileg, dass ich das zurzeit auch nicht muss. Und das Ansehen? Ich habe gemerkt, dass es keine Rolle spielt, ob fünf oder fünfhundert Leute meine Texte lesen. Wenn sie auch nur einem Menschen in irgendeiner Form den Tag verschönern, dann bin ich zufrieden und dann hat sich, Punkt drei, meine Arbeit gelohnt.

Darf ich das denn Arbeit nennen? Wo es doch so viel Spass macht? Wo ich endlich so schreiben kann, wie ich will? Wo ich schreiben darf, worüber ich will? Wo niemand redigiert, streicht, ergänzt und mir damit die Flügel stutzt? Wo ich keine Zeichen mehr zählen muss, sondern mich einfach austoben darf? Wo ich mich ausprobieren, den Stil wechseln, auch mal über die Stränge schlagen darf? Wo ich meiner Kreativität freien Lauf lassen darf?

Da haben wir ihn wieder, den alten Konflikt. Etwas, was Spass macht, kann keine richtige Arbeit sein. Schreiben genauso wenig wie schauspielern, malen, singen, fotografieren, tanzen. Da meldet sich sofort das schlecht Gewissen: „Menschenskind, jetzt mach doch was „Richtiges“!

Falsch! Auch was Freude macht, hat seinen Wert. Das äussert sich dann nicht im Kontostand, aber im eigenen Befinden, in der Lebensfreude und in der Lebensqualität.

Ich weiss, dass ich mich glücklich schätzen kann. Ich habe meine Passion gefunden. Es ist mir vergönnt, ihr Raum zu geben. Ich sollte diesen Umstand nutzen. Ich will lernen, es zu tun, ohne mich ständig zu fragen: Wozu soll das gut sein? Wirst du damit je Geld verdienen? Bringt es dir auf die Länge etwas?

Auf die Länge? Ich weiss es nicht. Spielt auch keine Rolle. Es BRINGT mir etwas. Jetzt. Und von heute an werde ich, nach meiner Tätigkeit gefragt, stolz verkünden: Ich schreibe. Eines Tages werde ich auf die gleiche Frage vielleicht sogar unaufgeregt und selbstbewusst antworten: Ich bin Schriftstellerin.

Ich arbeite dran.

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13 Antworten zu Zangengeburt einer Schriftstellerin

  1. Verena schreibt:

    Hach ja, das Schreiben kann manchmal auch eine Krankheit sein, die nicht ausheilen will. Ich bin jedenfalls ganz froh, dass ich bis dato noch keine Medizin dagegegen gefunden habe.

  2. Renate schreibt:

    Medizin dagegen? Die könnte süsser als der süsseste Hustensirup sein; der würd‘ ich was husten und ihr dein Bildchen da oben zeigen.

  3. Tamar schreibt:

    So langsam frage ich mich, ob ich dein Klon bin. 😉

  4. runningtom schreibt:

    Wäre auch schade nicht immer wieder was Wichtiges oder auch weniger Wichtiges… was Interessantes oder auch weniger Interessantes… was Kürzeres oder was Längeres… was auch immer zu lesen zu haben.
    Die aufgeschriebenen Gedanken regen doch immer wieder auch das eigene Denken an… bringen neuen Input…
    Weiter so! 🙂

  5. Renate schreibt:

    Und nicht zuletzt auch Dank dir geht die Schaukel auf und ab…auf und ab…
    Bin sehr stolz darauf, dass du auch mitliest. Aber sonst gäb’s natürlich auch Haue – da würden dann die alten Muster aus unserer frühesten Kindheit greifen 🙂 .

  6. Flohnmobil schreibt:

    Ach was bin ich froh, dass du schreibst. Was bin ich froh, dass du einen Blog eröffnet hast. Was bin ich froh, dass es dich genau so gibt, wie du bist.

    DU hast mich zu meinem Blog inspiriert. Wegen DIR bin ich auf dem besten Weg, süchtig zu werden. ICH DANKE DIR DAFÜR.

  7. Renate schreibt:

    Ui – das verlangt ja schon fast nach einem „Amen“. 🙂
    Ich bin auch sehr froh, dass es dich gibt – sehr.

  8. Mairlynd schreibt:

    Ich bin jetzt ganz zufällig hier gelandet und werde das sicher in Zukunft noch öfter tun. 🙂

    Aber wieso sollte denn, „bloß“ weil etwas Spaß macht, das ganze weniger wert sein? Sind nicht die Dinge, die mit Liebe entstehen, die beständigeren? Gemälde beispielsweise – ich bilde mir ein, zu sehen, ob ein Künstler mit dem Herzen dabei war oder ob er sich quälte.

    Und wie ich so auf den allerersten Blick hier im Blog sehen kann, bekommst Du haufenweise Anerkennung, und das OBWOHL Du gerne schreibst. So verkehrt kann das ja nicht sein. 🙂

    Weiterhin viel Spaß und Erfolg wünsch ich!

  9. Renate schreibt:

    Fein, ich freu‘ mich sehr über deinen Besuch und lade dich herzlich ein, ein wenig Schweizer Luft zu schnuppern … und zu sehen, dass es hier ganz schön viele Löcher im Käse gibt ;-).
    Herzlichen Gruss nach woanders.

  10. Patricia schreibt:

    Hier ist noch ein Klon 🙂
    Ich wünsche frohes Schaffen! Es gibt nichts Schöneres.
    Allerbeste Grüße,
    Patricia

  11. Renate schreibt:

    Ich meinerseits würde dich nicht als Klon bezeichnen, liebe Patricia ;-), eher als Vorbild. Super, deine Seiten!

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