Unsportlich

Endlich ist er da, der letzte Schultag, und das ausnahmsweise sogar einen Tag früher als sonst.

Ich bin froh darüber. Froh, nicht mehr jeden Morgen in aller Frühe aus den Federn zu müssen, damit der Teenager pünktlich in der Schule ist, um sich dort, so wie gestern, während drei Stunden zwei verschiedene Filme anzusehen (die restlichen Morgenstunden fielen aus und am Nachmittag war zum Glück hitzefrei).

Heute klingelte der Wecker nochmals unangenehm früh und als Erstes fiel mir auf: Es regnete. Das fand ich gut, aber auch wieder schlecht. Gut fand ich es, weil ich mir jetzt keine Sorgen im Zusammenhang mit der grossen Hitze machen musste, schlecht, weil ich mir bisschen blöd vorkam, hatte ich doch ihretwegen vorgängig beim Rektor reklamiert (und gerade jetzt habe ich die Erleuchtung, woher das Wort stammt – also Rektor J ).

Es ist so: Heute findet der Sporttag des Gymnasiums, welches der Teenager besucht, statt. Eigentlich ist es zwar kein Sporttag, sondern ein Sponsoren-, offiziell „Benefizanlass“ zugunsten des Stipendienfonds der betreffenden Schule, woran man erkennt, dass es sich um eine Privatschule handelt. Warum der Teenager eine solche besucht, wollte ich schon lange einmal erklären, aber leider drängte sich immer etwas anderes in den Vordergrund. Ich komme darauf zurück.

Grundsätzlich finde ich Sport eine tolle Sache. In jungen Jahren war ich eine richtige Sportskanone und zog ernsthaft in Erwägung, Sportlehrerin zu werden. Doch so, wie sich unter Wirtschaftsbossen mancher 68-iger findet, so stehe ich der heutigen Sportpraxis skeptisch gegenüber. Man ändert sich nun mal im Laufe des Lebens. Da der Teenager, was die Sportlichkeit betrifft, leider weder auf mich noch auf den Handyman kommt, mit Sport also überhaupt nichts am Hut hat, ich ihn aber trotzdem sehr liebe, weil ich ihn so akzeptiere, wie er ist, rege ich mich immer wieder mal über zu forsche Sportlehrer und ihr Gehabe auf. Zum Beispiel:

Dass man die Schüler schlecht instruiert und unbeaufsichtigt beim Postenlauf den Handstand machen lässt, was in unplanmässige Überschläge ausartet, so dass nachher eine Physiotherapie nötig wird.

Dass mittags um 12 Uhr bei über dreissig Grad an der prallen Sonne Hürdenlauf trainiert wird.

Dass ein längerer Lauf wiederholt werden muss, weil man zu langsam war (…wenn’s nun mal nicht schneller geht…)

Dass eine Freundin des Teenagers es trotzdem „versuchen soll“, auch wenn sie auf ihr Asthma hinweist. Weil sie notgedrungen zwischendurch geht und über der erforderlichen Zeit liegt, hat sie dann im Zeugnis eine ungenügende Note. So wie der Teenager übrigens. Im Gegensatz zu diesem, der diese Note nur knapp verdient hat, handelt es sich bei der Freundin aber um das sportlichste Mädchen der Klasse, das am Bodensee-Fahren (über 200 Kilometer an einem Tag) erfolgreich teilnimmt und auch in anderen Disziplinen glänzt.

Dass ein ganzer Jahrgang dazu gezwungen wird, über den Zürichsee und wieder zurück zu schwimmen, auch wenn einige dabei Panik kriegen. Obwohl ich als ehemalige Schwimmerin an vielen Seeüberquerungen und Flussschwimmen teilgenommen habe, auch mit Schülern zusammen: NIE würde ich so etwas für obligatorisch erklären, sondern ein Alternativprogramm bieten.

Dass der heutige „Sporttag“ darin besteht, um einen See herumzulaufen oder diesen „mindestens zweimal – lieber mehr“ mit dem Fahrrad zu umrunden. Es geht schliesslich um die Kohle! Dass diese von den Eltern stammt – wer fragt schon eine Fremdperson; es geht ja nicht um hungernde Kinder – sei nur am Rande erwähnt. Abgesehen davon: Wie langweilig ist das denn?!? Mehrmals um denselben See zu fahren… Und wie intelligent, so fragte ich mich, angesichts der üppigen Temperaturen und der hohen Ozonbelastung…

Damit habe ich mich aber gründlich in den Finger geschnitten und der Lächerlichkeit preisgegeben; der Rektor wird sich ins Fäustchen lachen. Als der Teenager heute Morgen nämlich Richtung Greifensee radelte, regnete es in Strömen. Ich hatte also wirklich gar nicht zu meckern!


 

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