Neue Wege


Wie jeden zweiten Sonntag machte ich mich heute Morgen auf den Weg zur Sonntagsschule. Etwas zwiespältig zwar – schliesslich hatte ich mich einen Tag zuvor offiziell vom bisherigen Konzept verabschiedet – aber willens, bis zum Ende mein Bestes zu geben. Sowieso waren mir kürzlich Zweifel gekommen, ob es richtig sei, das wöchentliche Unterrichtsangebot aufzugeben; waren es doch just seit der Entscheidung wieder mehr Kinder gewesen und bei denen würde die Enttäuschung gross sein.

Heute wurde ich eines besseren belehrt. Ein einziges Kind stand um fünf nach zehn Uhr im Raum und überlegte sich, auf welches der zehn bereitliegenden Kissen es sich setzen sollte. Obwohl ich mich bei den Vorbereitungen mächtig ins Zeug gelegt hatte, fragte ich das Kind, ob es die Stunde mit mir allein verbringen wollte (mir selber verbat ich dieses). Es wollte. Was es allerdings nicht wollte: singen, die vorbereiteten Spiele spielen – okay, sie waren auch nicht bloss für zwei gedacht – und das Schiffchen basteln, weil: basteln mochte es schon gar nicht. Von all den Kindern war es ausserdem genau das, welches als einziges den kürzlich angebotenen Spieltag besucht hatte, der – blöder Zufall – die Geschichte zum Thema hatte, die ich vorbereitet hatte.

Um das Kind – und mich! – Bei Laune zu halten, liess ich mir die Geschichte nun vom Kind erzählen und ging dann schneller als geplant zum letzten Teil über, der im Ausmalen eines grossen Fisches bestand, wozu ich – der besonderen Umstände halber -schöne Hintergrundmusik laufen liess. So sassen wir also mutterseelenallein am Tisch, malten und quatschten ein bisschen über dies und das – Kindergarten, Tiere auf dem Bauernhof, das havarierte Knie, warum der gelbe Stift gerade viel besser passte als der blaue – was eine Fünfjährige halt so interessiert. Eigentlich war es gar nicht so öde. Eigentlich war es ganz gemütlich. Eigentlich war es sogar richtig schön. „Was soll’s“, sagte ich mir, „klar habe ich für zehn Kinder vorbereitet. Klar wäre es zu Hause jetzt auch gemütlich. Aber Hand aufs Herz: Würde ich mir zu Hause die Zeit nehmen und in aller Ruhe einen Fisch ausmalen? Wo ich mir doch schon so lange vorgenommen hatte, wieder einmal etwas zu malen?“

Ich kam zum Schluss, dass es grundsätzlich keine Rolle spielt, ob eins oder zehn Kinder zur Sonntagsschule kommen. Schliesslich bin ich auch keine Viertelmutter, bloss weil ich nur ein Kind habe, sondern ich gebe auch dort mein Bestes. Aufgrund dieser Überlegungen räumte ich später ohne Groll alles wieder weg, nachdem mein kleiner Gast zufrieden von dannen gezottelt war.

Allerdings zeigte mir der heutige Sonntagmorgen auch, dass unsere Entscheidung, das Kolibri, wie die Sonntagsschule heutzutage heisst, neue Wege gehen zu lassen. Die Zeit dafür ist reif.

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2 Antworten zu Neue Wege

  1. Angelika Diem schreibt:

    Finde ich eine klasse Einstellung. Respekt. Der Fisch ist sehr hübsch geworden.

    Alles gute für die neuen Wege.

    Liebe Grüße
    Angelika

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