Liebet eure Feinde

Es ist vollbracht.

Nachdem die Vorbereitungen – insbesondere in Sachen Kleiderfrage – zum grossen Tag ein paar Nerven gekostet haben wurde die Konfirmation des Teenagers ein voller Erfolg. Er selber wunderhübsch anzusehen, umringt von lieben Gästen, die ihn masslos verwöhnten; das Wetter prächtig, das Essen prima, kurz: eine Feier, wie man sie sich für sein allerliebstes Kind nicht schöner wünschen könnte.

Dabei begann der Morgen ganz anders.

Der von seinen Konfirmanden sehr geschätzte Pfarrer wurde am frühen Morgen vor die ungeheuerliche Tatsache gestellt, dass er aus familiären Gründen die Konfirmation nicht würde durchführen können. So griff er – bestimmt nicht gern – um fünf Uhr in der Früh‘ zum Telefon und bat einen Kollegen, für ihn einzuspringen. Man stelle sich vor: Eine Konfirmation! Eine Kirche, die ausnahmsweise aus allen Nähten kracht! Eine Predigt, bei der jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird! Noch dazu hatte der nun verhinderte Pfarrer mit seiner Klasse das gewagte Thema „Liebet eure Feinde“ ausgewählt.

Das mag sich auch der Stellvertreter gedacht haben, der dennoch wagemutig in die Bresche sprang und die Sache in die Hand nahm. Das Pikante an der Sache: Jetzt stand derjenige Pfarrer auf der Kanzel, der in der Gemeinde aufgrund vorangegangener Ereignisse tatsächlich ein paar Feinde hat. Ausgerechnet diejenigen also, die ihre Kinder doch lieber beim anderen Pfarrer konfirmiert haben wollten, sollte er in dieser schwierigen Situation zufriedenstellen.

Er nahm die Herausforderung an, übermittelte die ihm in den Mund gelegten Worte souverän, fügte einige kluge persönlich Gedanken an, meisterte die heikle Situation mit sehr viel Humor und man kam nicht umhin, sich still zu fragen: Hatte da der liebe Gott seine Hand im Spiel? Hatte es so sein sollen, um diesem oder jenem Kirchenmitglied Gelegenheit zu geben, seinen Groll beiseite zu legen? Jedenfalls bekam das Thema letztlich eine völlig neue Perspektive und eine Brisanz, die ihm sonst wohl abgegangen wäre.

Schon bevor das Thema für die Konfirmation festgelegt worden war, hatte der Teenager sich sein Konfirmationsbild ausgesucht. Es heisst „Kreuz und Taube“ und wurde von Martin Hoegger auf der Wartburg fotografiert. Die nunmehr gerahmte Taube – nicht nur Symbol für den Heiligen Geist, sondern das Friedenssymbol schlechthin – gefällt dem Teenager und hat grosse Chancen, dereinst in schönem Kontrast zu den übrigen Bildern in seinem Zimmer an einer Wand zu hängen.

Sie wird auch mich noch lange an einen wunderbaren Tag erinnern und daran, dass das Leben ab und zu ganz schön clever ist.

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