Rendezvous mit dem Dalai Lama

Der Dalai Lama spricht direkt zur Bevölkerung, und das in Zürich.

Obwohl ich Menschenansammlungen für gewöhnlich meide, wollte ich mir das nicht entgehen lassen und so machte ich mich auf um, wie Hugo Stamm es ausdrückte, mit vielen anderen „in der Aura des vermeintlich reinen Geistes zu feiern“ und selbst davon Zeuge zu werden, „wie der Gottkönig aufgrund eines ihm vom Orakel aufgebürdeten Schicksals glücklos durch Geschichte und Politik stolpert“.

Zum verdienten Sektenforscher Hugo Stamm möchte ich anmerken, dass ich ihm dankbar bin für seine Aufklärungsarbeit, die er geleistet hat und noch immer leistet. Allerdings komme ich nicht umhin, auch bei ihm selber ab und zu leicht sektiererische Tendenzen zu erkennen, was aber wahrscheinlich okay ist, denn ohne ein wenig Extremismus kommt man in dieser Branche wohl nicht weiter. Was den Dalai Lama anbetrifft, liegt er allerdings falsch. Möglich, dass die Menschen ihre „spirituellen Sehnsüchte auf ihn projizieren“, dazu neigen wir nun mal, aber als „glückloses Stolpern“ würde ich des Dalai Lamas Weg nun nicht bezeichnen. Er mag kein leichtes Schicksal gehabt haben, aber dennoch hat er sich seinen Humor und eine grosse Lebensfreude bewahrt. Und wenn sich auch im Machtgefüge China-Tibet-Wirtschaftswelt nichts zu regen scheint; die Tatsache, dass das Thema nach wie vor ein heisses Eisen ist, spricht für sich und gibt Anlass zur Hoffnung.

Der Humor und die Herzlichkeit des Dalai Lamas waren es denn auch, die mich beeindruckten, als er, nicht mehr ganz jung, fast eine Stunde zu den vielen Leuten sprach. Hatten die ersten paar Sätze noch etwas beinahe Rührendes, weil man das Gefühl hatte, er müsse sich erst einmal sammeln, so wurde die Rede immer eindringlicher und lebendiger. Da stand weder ein Gottmensch, noch ein Guru, noch ein vergeistigter, spirituell abgehobener Mönch. Aus dem Bad in seiner Aura wurde also nichts. Trotzdem lohnte es sich, zuzuhören, wie es sich immer lohnt, Menschen zuzuhören, die tatsächlich etwas zu sagen haben.

Zur Kundgebung hatte die Gesellschaft schweizerisch-tibetische Freundschaft geladen und der Münsterplatz platzte schon vor dem Höhepunkt des Nachmittags aus allen Nähten. Die vielen tibetischen Flaggen, hie und da neben einer roten mit dem Schweizerkreuz, illustrierten das Motto der Kundgebung – Die Schweiz für Tibet. Tibet für die Welt – und überhaupt war das bunte Miteinander ein gutes Beispiel für gelungene Integration. Ich sah alte Tibeter in traditionellen Gewändern, Familien, junge und mittelalterliche Tibeter, die sich in Kleidung, Sprache und Gebaren in nichts von uns Schweizern unterschieden. Nebst Tibetern waren auch viele Schweizer gekommen und sowieso setzten sich die Familien häufig aus beiden Nationalitäten zusammen. Obwohl das Wort Nationalität hier deplatziert ist, denn offiziell gibt es das Land Tibet nicht mehr. In Tibet selber ist es verboten, auch nur im Besitz einer Flagge zu sein. Dabei, so erzählte der Dalai Lama mit einem verschmitzten Lächeln, habe ihm Mao höchstpersönlich im Jahre 1954, als er für mehrere Monate in Peking weilte und viele vertrauensvolle Gespräche mit ihm führte, dazu geraten, die Flagge unbedingt zu behalten, ihm dergestalt also die Erlaubnis erteilt, oder?! Ganz so lustig war die Sache aber, wie man weiss, nicht abgelaufen, und am Eindrücklichsten war für mich deshalb der Vortrag zweier tibetischer Musiker. Der eine spielte auf einem fünfsaitigen Streichinstrument, der andere sang dazu mit viel Herzblut tibetische Texte. Obwohl ich kein Wort verstand war das der Moment, wo ich intuitiv spürte, wie viele leidvolle Geschehnisse in Tibets Vergangenheit liegen.

Grundsätzlich war es aber eine fröhliche Veranstaltung, der so gar nichts Sektiererisches anhaftete. Der Dalai Lama, dessen Englisch etwas gewöhnungsbedürftig ist, prügelte nicht verbal auf die Chinesen ein, stellte aber klar, dass die chinesische Regierung die Probleme in Tibet schönredet. Er bat seine Zuhörer, sich doch einfach selber ein Bild zu machen. Am besten vor Ort. Er wisse ja, lächelte er gütig, dass die Reise dorthin nicht ganz billig sei. Man könne sich aber ja, so sein Rat, das Geld dafür leihen, im Land selber dann ein Artefakt erstehen und es hier mit Gewinn wieder verkaufen. Immer wieder schimmerte der Humor des Mannes durch, der beim Übersetzen leider ab und zu auf der Strecke blieb. Es gehe in der Sache China und Tibet nicht um einen Kampf mit Gewinnern und Verlierern, sondern darum, eine für beide befriedigende Lösung zu finden. Am Schluss, als die Rede eigentlich schon fertig war, bat er darum, noch „zwei Sätze“ sagen zu dürfen und kam dann noch einmal richtig in Fahrt. Das Streben nach Dialog statt Gewalt, nach Verständnis statt Urteil solle auch im eigenen Leben Einzug halten, in der Familie, der Partnerschaft, überall dort, wo Menschen miteinander zu tun hätten. Materiellen Besitz solle man nie über das innere Glück stellen und egal, welcher Religion man angehöre, im Prinzip wollten wir doch alle dasselbe, nämlich eine friedvolle Welt. Damit tat er das, was ihm ebenfalls wichtig ist: Er gab der Menschenmenge noch ein paar Grundsätze der buddhistischen Weltanschauung mit auf den Weg.

Hugo Stamm mag recht haben mit seinem Argument, dass Veranstaltungen dieser Art dem leidenden tibetischen Volk nichts bringen. Immerhin aber setzen sie ein Zeichen und das ist oft besser als gar nichts. Wer übrigens selber ein Zeichen setzen möchte, kann jeweils am 10. März, dem „Nationalfeiertag Tibets“, eine Flagge hissen. In Tibet selber ist das verboten.

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