Unerwünschter Besuch


Der Samstagmorgen verläuft bei uns im Normalfall sehr gemütlich. Wir schlafen lange, frühstücken ausgiebig und widmen uns der jeweiligen Lieblingslektüre. Diese beschauliche Atmosphäre, wenn quasi noch das ganze Wochenende vor einem liegt, wurde heute durch zwei Dinge gestört. Der Teenager ersetzte seine Lieblingslektüre durch Wortkärtchen – nächste Woche stehen diverse Prüfungen an, was ihm ein bisschen auf die Stimmung drückt – und es klingelte an der Tür.
Am Samstagmorgen klingelt es bei uns selten an der Tür. Leute, die uns kennen, wissen, dass wir vor Mittag nicht gesellschaftsfähig sind. Es musste sich also um einen Notfall handeln, und da öffnet man die Tür natürlich ohne Rücksicht auf Verluste auch im Pyjama.

Vor der Tür stand allerdings kein Notfall sondern ein tipp topp gekleideter Herr – Anzug und Krawatte – der mich strahlend anlächelte und mir ein Traktätchen entgegenstreckte. „Jesus gab sein Leben für viele“ war darauf zu lesen und „Warum? Wieso war das nötig? Was muss man tun, um davon zu profitieren?“ Während die ersten beiden Fragen die Menschheit wohl seit gut zweitausend Jahren beschäftigt, mutete mich die dritte seltsam an. „Kann es sein“, so fragte ich mich, „dass es auch beim Thema Religion letztlich um nichts anderes als um das geht: um Profit?“ Im Laufe des Tages dachte ich noch ein bisschen über diese Frage nach und kam zum Schluss, dass mich das Wort in diesem Zusammenhang stört. Ausserdem machte ich mir einmal mehr Gedanken darüber, ob sich Jesus wohl tatsächlich freiwillig hatte ans Kreuz nageln lassen, was ich immer mal wieder schwer bezweifle. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass er für mich eine Lichtgestalt ist und bleibt, Profit hin oder her.

Dem netten Herrn übrigens vertraute ich meine Gedanken nicht an, sondern ich verabschiedete ihn kurzerhand und ohne viel Aufhebens, indem ich die Tür wieder schloss. Er setzte sich nicht zur Wehr. Das ist insofern bemerkenswert, als es sich, wie ich nachher feststellte, um einen Zeugen Jehovas gehandelt hatte. Die geben bekanntlich nicht so schnell klein und werfen sich, wenn es ums Seelenheil anderer geht, richtig ins Zeug. Vielleicht hatte ihm aber ja auch mein Äusseres die Sprache verschlagen, denn, wie gesagt: Am Samstagmorgen geht es bei uns sehr, sehr gemütlich zu und her.

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5 Antworten zu Unerwünschter Besuch

  1. runningtom schreibt:

    Vielleicht hat es dem guten ja zu denken gegeben, dass sich Dein Äusseres von dem Äusseren Jesus weniger unterscheidet als seines. Jesus ist wohl selten im Anzug unterwegs gewesen.

    P.S. Wieso schlägt WordPress eigentlich unter „Possibly related posts“ unter anderem jenes über „Schokolade der Luxusklasse“ vor? 😉

  2. Renate schreibt:

    HILFE! Ich benötige ganz offensichtlich und dringend eine Stilberatung!!! 😦

    Was die „possibliy related posts“ betrifft, so habe ich mich schon oft gewundert. Der Schwerpunkt liegt wohl auf „possibly“.

    • runningtom schreibt:

      ich glaube eher, weil alle vorgeschlagenen Beiträge das Tag life enthalten. Zu viel Intelligenz würd ich der Software nicht zutrauen. Der Tag an dem Computer unsere Beiträge nach dem Inhalt bewerten wird ein schwarzer Tag in der Geschichte der Menschheit sein.

  3. Susanna schreibt:

    Es kann nicht am Pijama liegen, dass der Botschafter Zeugen Jehovas ohne den Fuss zwischen Türe und Schwelle zu klemmen wieder ging.
    Bei mir klingelte es auch am Morgen, ich war am Zopf backen und bereits im Tagesdress, ein adrett Herr überreichte mir ein Traktätli, wünschte einen schönen Tag und weg war er.
    Eine halbe Stunde später, der Zopf war im Ofen, klingelt es wieder, wer will schon wieder was am Samstag morgen? Wieder ein adrett gekleideter Herr, der mir ein Traktätli überreichen will. Ich bin bereits im Besitz dieser Botschaft, da vor einer halben Stunde ein Jünger seiner Kirche uns diskret beschenkte. Er schaute mich mit gerunzelter Stirn an und wünschte einen schönen Tag und weg war er.

    Angenehm, ich musste keine Argumente für meinen Glauben suchen, keine Ausrede finden zum Rückzug (z.B. der Zopf ist im Ofen und wird schwarz) und war sofort wieder frei und ungestört in meinen vier Wänden. Ist das die neue Strategie der ZJ?

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