
Der Teenager, der sich naturgemäss immer weiter von der Zehn entfernt, hat es sich inzwischen zur Gewohnheit gemacht, einmal pro Wochenende mit seinen Freunden abzufeiern. Dafür habe ich Verständnis, weil ich auch einmal jung war, auch wenn das schon lange her ist. Es ist so lange her, dass nicht nur ich selber, sondern auch die Gepflogenheiten anders sind.
Während früher die Lokale kurz nach Mitternacht dicht machten, geht es zur selben Uhrzeit heutzutage erst richtig los. Das führt dazu, dass die Jugend sich dann auf den Weg macht, wenn ihre Eltern sich allmählich zum Schlafengehen bereit machen. Während die SBB dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung trägt, tut es die VBZ nicht, was die eine oder andere Mutter (zwar nicht auf Geheiss, aber aus Sorge um den Nachwuchs) dazu veranlasst, den eigenen Schlaf zur Unzeit zu unterbrechen.
Mütter gewöhnen sich an alles und so ist es mir inzwischen eine liebgewonnene Gewohnheit, kurz vor Sonnenaufgang einen kurzen Ausflug zum nächstgelegenen Bahnhof zu machen, weil es wahnsinnig schön ist, sich nachher wieder ins Bett plumpsen lassen zu können.
Guten Mutes machte ich mich deshalb letzthin auf den Weg, schon in der Vorfreude schwelgend, in knapp zehn Minuten wieder… aber oha.
Pünktlich zur Einfahrt des Nachtzugs rollte ich zur Vorfahrt; das Timing habe ich inzwischen perfektioniert. Der Zug fuhr weiter und die ersten Passagiere tauchten aus dem Untergrund auf. Der Teenager war nicht dabei. Als die letzen Autos und Taxis weg waren, musste ich mir eingestehen: Er würde so bald auch nicht erscheinen.
Gott sei Dank gibt es heutzutage Handys, die den Nerven gerade in solchen Fällen durchaus zuträglich sein können. Gott sei Dank nahm der Teenager ab. Gott sei Dank war er noch am Leben.
Allerdings war er verwirrt, um nicht zu sagen aufgelöst. Müde wie er war (wofür ich grosses Verständnis hatte), war er nämlich eingeschlafen (dafür hatte ich ein bisschen Verständnis) und nunmehr auf dem Weg in die nächstgrössere Stadt (da war es dann fertig mit dem Verständnis). Trotz seiner Beteuerungen, ich solle einfach wieder nach Hause gehen, es tue ihm WAHNSINNIG leid und er käme dann schon irgendwie zurück – eine Stunde später oder so fahre der Retourzug – liess ich den Motor aufheulen und brauste sofort los. Ich meine: mein Kind, allein, an diesem Bahnhof, um diese Zeit!
Unterwegs malte ich mir die schlimmsten Sachen aus. Immerhin: Dank einer gnädigen Grünphase – ich sass im einzigen Gefährt weit und breit – bewältigte ich die Strecke in der Hälfte der üblichen Zeit.
Am Bahnhof angelangt war es dann vorbei mit der Ruhe. Dort tobte immer noch der Kampf um die Taxis und kaum stand ich still, rüttelte ein zweifelhaft aussehender Geselle am Türgriff meines Autos, das ich wohlweislich zentralverriegelt hatte (ja, ich gehöre zu den eher ängstlichen Leuten). Während ich mir noch den müden Kopf zermarterte, wie ich den Teenager auf mich aufmerksam machen könnte, ohne dass mir das Auto unter dem Hintern weggeklaut würde, wurde mich mein Kind endlich gewahr. Der vermeintliche Autodieb liess von meiner Türe ab, der Teenager stieg ein und erleichtert fuhr ich davon. Nochmal gut gegangen.
Mit dem jungen Mann von eben hätte er sich nett unterhalten, klärte mich der Teenager auf. Der sei bloss etwas zugedröhnt gewesen und hätte mich wohl für ein Taxi gehalten. Das leuchtet mir ein, denn dafür hielt ich mich auch gerade.
Überhaupt, schwärmte der Teenager weiter, seien die Leute hier alle wahnsinnig nett, ganz anders als in Zürich. Im Minutentakt sei er gefragt worden, was er denn da mache (tja…) und wie er nach Hause käme. Er warte auf seine Mutter, habe er geantwortet, was allgemeines Erstaunen ausgelöst habe: “Du hast aber eine coole Mutter!” Gerade, als ich mich cool zu fühlen begann, streifte mich der Gedanke, was wohl die Eltern der Kids, die das cool fanden, zum Sachverhalt gemeint hätten, und mir wurde ein bisschen heiss. Zum Glück stellte sich aber diese Frage nicht, denn die lagen ja alle im warmen Bett. Wohin ich jetzt auch wieder wollte, je schneller desto besser. Und ich gestand mir ein: Diesmal hatte die Vorfreude eine Spur zu lange gedauert.

Wunderbar! Wir wohnen ja zum Glück in der Stadt, so dass das Kind keine Züge und dergleichen braucht, um nach Hause zu gelangen. So bleibt mir nur, es, wenn es kurz vor Mitternacht das Haus verläßt, zu mahnen, nicht den Weg durch den Park zu nehmen und morgens, so gegen 6 nachzusehen, ob es wohl behalten im Bett liegt.
Hihi. Andere Länder, gleiche Sitten.
Das hätte ich mir von meinen Eltern auch mal gewünscht, mich vom Bahnhof abzuholen, ich durfte mir nur bei Erscheinen im Morgengrauen selbst etwas abholen, nämlich einen Satz heiße Ohren.
Autsch. Das könnte natürlich daran liegen, dass du deiner Zeit ein bisschen voraus warst. Heute sind die Züge morgens um drei, vier Uhr – abgesehen davon, dass es überhaupt welche gibt – recht gut besetzt.