Smart?


Schon länger trage ich mich mit dem Gedanken, mir endlich auch ein Smartphone zuzulegen. Aus unerfindlichen Gründen schiebe ich diese Sache immer wieder vor mir her, was vielleicht damit zu tun hat, dass ich mich mit dem Begriff “smart” schwer tue. In Verbindung mit mir. Dabei wäre es schon praktisch, schnell nachzusehen, wann der nächste Bus fährt. Auch sonst gibt es natürlich die wahnsinnigsten Apps. Jetzt, wo ich weiss, dass diese Abkürzung weder von ape noch von AP (dem Sprengstoff Acteonperoxid) kommt, sondern für Applikation steht, könnte ich mich für die eine oder andere durchaus begeistern. Wobei die neustens angebotene App ”TV Selection” von der Tages Anzeiger Kulturredaktion definitiv nicht dazugehört.

Erstens will ich mir mein Fernsehprogramm von niemandem vorschreiben lassen, zweitens hege ich schon länger einen Groll gegen die Tages Anzeiger Kulturredaktion. Der nahm seinen Anfang vor bald drei Jahren, kurz vor Barbies fünfzigstem Geburtstag. Ich hatte einen Artikel über die Zerrissenheit meiner Generation dieser Puppenikone gegenüber verfasst, den ich ganz witzig fand. Das fand auch die für mich zuständige Redaktorin der Zeitung, für die ich damals schrieb und bedauerte, dass er nicht in den Regionalteil passe. Ich solle ihn doch der Kulturredaktion. Das tat ich dann, um aber eine wohlwollend herablassende Antwort zu erhalten; netter Artikel, aber das Thema sei zu abgelutscht für ihre Seite. Als am 9. März auf ebendieser Seite ein ganzseitiger Artikel erschien, der zwar einen anderen Wortlaut aufwies, ansonsten aber exakt meinen Grundgedanken aufgriff, setzte das ein paar mir angeborene, im Alltag jedoch meist erfolgreich unterdrückte Wesenszüge meiner selbst frei, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.

Auch in jüngster Zeit stosse ich mich regelmässig an der Kulturredaktion des TA, oder vielmehr: an ihrem Geschmack. Während ich den blauen Dildo auf einem der letzten TA-Magazine auf den ersten Blick fälschlicherweise als Kunstobjekt qualifizierte und der ja auch auf den zweiten Blick recht niedlich aussah, war das heutige Titelbild schlicht eine Beleidigung fürs Auge. Grundsätzlich habe ich nichts gegen nackte alte Männer, aber um ehrlich zu sein, mag ich auch keine jungen nackten Männer grossformatig auf dem Frühstückstisch. Und: ich könnte mir vorstellen, dass ich da nicht die Einzige bin, die sowas nicht mag.

Was man sich dagegen wünschen würde, wäre eine andere Kulturredaktion. Eine etwas smartere.

6 Antworten zu Smart?

  1. Und nun verstehe ich auch, weshalb ich den Tagi heute nicht zugestellt erhielt: Ich sollte vor optischer Umweltverschmutzung bewahrt werden. Wer sagt denn, dass es keine (smarten) Schutzengel gibt?

  2. Vielleicht war das auch bloss die Zensur der Walliser Bergler?

  3. Kultur war früher, Frau S. Heute heissen diese Redaktionen zwar noch so, aber gemeint ist eigentlich lifestyle, ganz konsequent und ohne Zweifel, d.h. industrielle, reproduzierbare Freizeitgestaltung. Es ist, glaub ich jedenfalls, hilfreich, das auseinanderzuhalten. Und Redaktionen sind es ja auch nicht mehr: Ein festangestellter Chef und zwölf Praktikanten, die für einen Hungerlohn Magazinbeiträge auffrischen und neu veröffentlichen. Hesse nannte das vor bald 100 Jahren schon das feuilletonistische Zeitalter.

  4. Kultur in einer Tageszeitung? Das ist so lange her, dass ich mich auch nicht mehr erinnern kann.

  5. Aber immerhin haben WIR das noch erlebt. :-)

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