Und was daraus geworden ist…

Ein ungleiches Paar

“Einen Fuss vor den anderen setzen und langsam zur Mitte gehen. Im Zentrum die Eindrücke und Gedanken sich allmählich setzen lassen …”(aus der Wegleitung zum Labyrinth, Kartause Ittingen, von Walter Büchi)

Die Frau näherte sich dem Eingang des Labyrinths so wie einst, so, als sei sie ein kleines Mädchen. Auf jede der in den Kies eingelassenen Steinplatten setzte sie einen Fuss. Links, rechts – möglichst regelmässig – links, rechts, – möglichst in die Mitte – links, rechts – möglichst ohne Unterbruch – links, rechts – zum Abschluss ein kleiner Hüpfer. So stand sie nun und betrachtete sie, ihre beiden Füsse, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der eine zierlich, in einem ebensolchen Mokassin, der andere gross, unförmig, in seinem verhassten massgeschneiderten Schuh.
Langsam ging sie weiter, auf das Labyrinth zu, die Augen auf den Boden gerichtet. Ihre Gedanken flogen auf, wie der Storch, den gerade ein Geräusch erschreckt und aus seinem Nest auf dem Kamin vertrieben hatte. Sie entglitten ihr, ebenso ihre Gesichtszüge, die jetzt weich wurden, liebevoll. Schritt für Schritt näherte sie sich der Mitte des Labyrinths und entfernte sich von der Aussenwelt.

***

Verena Fink nahm einen Schluck vom “Original Ittinger Klosterbräu” und liess ihren Blick über den Kiesplatz nach rechts in die Höhe schweifen. Unruhig umkreiste der Storch das Nest. “Verena. Meine Liebe…” Der Mann ihr gegenüber räusperte sich. Verena wusste, was er sagen, was er sie fragen wollte. Sie wusste auch, was sie antworten würde. Mit 41 war es an der Zeit, sich dem Spatz zuzuwenden, und die Hoffnung auf eine Taube aufzugeben. So bliebe wenigstens noch jene auf den Storch, der sich jetzt wieder auf seinem Nest niederliess. Der Gedanke zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht.
“Ich…” Niklaus Baltensberger sah sie verunsichert an. “Habe ich etwas im…” “Aber nein, mein Lieber”, beeilte sie sich zu sagen, “alles in Ordnung. Es ist nur…es ist schön hier. – Mit dir”, fügte sie an, um ihn wieder auf die Spur zu bringen. Innerlich seufzte sie. Niklaus würde nie ein Draufgänger sein. Stürmische Liebe musste sie sich aus dem Kopf schlagen. Aber er war ein guter Kerl, einer auf den Verlass war. Ein bisschen tollpatschig und nicht sehr überzeugt von sich, aber nicht hoffnungslos.
Niklaus nahm einen neuen Anlauf. “Also ich… hoffe … der Kuchen schmeckt dir.” Eine zarte Röte überzog sein Gesicht und er starrte erwartungsvoll auf den Teller, den der Kellner soeben vor sie hingestellt hatte. Der Klosterkuchen der Kartause war berühmt – auch für seinen Preis – aber im Moment war ihr nicht danach. “Ich glaube, ich mache eine kleine Pause”, setzte sie an, bemerkte aber am bestürzten Gesichtsausdruck ihres Gegenübers, dass das ein Fehler gewesen war. “Sieh einer an, er hat doch nicht etwa…” Verena wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. “Andererseits”, sagte sie schnell, “er sieht wirklich himmlisch aus, ich muss einfach davon probieren, sofort.” Unter gesenkten Augenwimpern nahm sie wahr, wie Niklaus sich zurücklehnte und sie aufmerksam beobachtete. Er war ein netter Mann. Sie würde sich zusammenreissen und Überraschung heucheln, um anschliessend mit Tränen in den Augen (das wäre der leichtere Teil) die Überwältigte zu geben. Das hatte Niklaus verdient. Das war sie ihm schuldig.

***

Die Frau war in der Mitte angelangt. Lange Zeit stand sie einfach da, reglos, Gestalt gewordene Mitte des Labyrinths. Dann ging sie langsam in die Knie und verharrte zusammengekauert. Sich mit den Armen umschlingend wiegte sie sich langsam vor und zurück, vor und zurück.

***

Als Verena das erste Stück in den Mund schob, begann sich das grosse Wasserrad zu ihrer Linken zu drehen. “Wie passend”, schoss es ihr durch den Kopf. Das Rad: Symbol von Werden und Vergehen – ihr Glücksrad? Mit einem Mal war sie von Zuversicht erfüllt. Sie würde sich keinen Illusionen mehr hingeben, sondern ihre Füsse endlich auf den Boden der Realität setzen. Niklaus achtete nicht auf das Rad, seine Augen hingen an ihrem Teller. Gleich würde ihr Löffel auf Metall stossen. Sie würde einen kleinen Schrei ausstossen und dann…

***

“Mami, schau, da liegt wer in diesem komischen Kreis!” Der kleine Junge äugte interessiert durch die Büsche und zog seine Mutter fort von den blühenden Rosen, hin zum Labyrinth. “Vielleicht ein Toter”, schrie er freudig und hüpfte von einem Fuss auf den andern. “Junge, wie kommst du denn darauf“, murrte die Mutter und entzog sich seufzend dem betörenden Duft. Widerwillig liess sie sich von ihrem Kind Richtung Labyrinth ziehen. Beim Näherkommen weiteten sich ihre Augen. “Mein Gott”, stiess sie aus. Da lag tatsächlich eine Gestalt, mitten im Labyrinth, die Arme weit ausgebreitet, als wolle sie den Himmel umarmen.

***

“Mein Gott”, flüsterte Verena. Der markerschütternde Schrei hatte alle Leute im Restaurant erstarren lassen. “Wer schreit denn so laut dass man so laut schreien kann das sollte verboten sein so laut zu schreien da erschrickt man sich ja zu Tode…” Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in Niklaus’ Gesicht und wiederholte ein ums andere Mal: “Mein Gott – mein Gott…” Niklaus sagte nichts. Er presste sich die Serviette vor den Mund und war damit beschäftigt war, sich nicht zu übergeben. “Du”, würgte er schliesslich hinter vorgehaltener Hand hervor, “du hast so laut geschrien.” Er zeigte auf ihren Teller.

***

Stunden später sass Verena Fink im Rosengarten, wohin sie eine verständnisvolle Polizeibeamtin geleitet hatte. Hätte ihr jemand gesagt, diesen Nachmittag würde sie bis an ihr Lebensende in Erinnerung behalten, hätte sie nur gelacht. Wie hätte sie ahnen können, dass sich die Dinge so entwickeln würden? Angeekelt schloss sie die Augen, doch das Bild liess sich nicht zum Verschwinden bringen. Wieder und wieder durchlebte sie den Moment, als ihr Löffel auf Widerstand gestossen war. Als sie vorsichtig an die Ausgrabungsarbeit gegangen war und Stück für Stück freigelegt hatte. Sie hatte ihn tatsächlich gefunden, den Ring. Allerdings befand er sich dort, wo ihm gewöhnlich die grösste Beachtung winkt – an einem Finger.
Ihr war schlecht. Sie würde Niklaus nicht heiraten, soviel stand fest. Vermutlich würde sie überhaupt nie heiraten. Wie sollte sie jemals mit einem Mann die Ringe tauschen, ohne sofort wieder diesen einen vor sich zu sehen, diesen Ring, der einen grauen, mit vertrocknetem Blut verkrusteten Finger umschloss?

***

Derweil starrte Niklaus Baltensberger in einem Gruppenraum der unteren Aula, der vorübergehend als Quartier der Kantonspolizei diente, fassungslos auf das Bild der Toten vor sich. Als Pfarrer war er darin geübt, seelischen Beistand zu leisten. Jetzt hätte er selbst welchen nötig gehabt. “Wieso haben Sie Ihre ehemalige Haushälterin damals entlassen?” fragte Inspektor Kurmann. Niklaus wand sich. “Sie …entwickelte selbstzerstörerische Züge. Sie fügte sich des Öfteren Schnittwunden zu und bat mich dann, sie zu verarzten.” Es war offensichtlich, wie peinlich die Sache dem Herrn Pfarrer war, aber darauf konnte der Inspektor keine Rücksicht nehmen.
“Frau Welti war in sie verliebt”, stellte er fest, “krankhaft verliebt.” ” Sie arbeitete seit zwei Jahren in der Küche des Restaurants. Immer wieder erwähnte sie ihren Verloben, einen Pfarrer, der sie bald heiraten würde. Niemand nahm die Sache ernst. Dass ausgerechnet Frau Welti den Auftrag erhielt, den…” Kurmann räusperte sich, “…Ring in den Kuchen zu backen…” “Mein Gott!” Niklaus fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. “Ja, wirklich ein saublöder Zufall.” Kurmann zuckte die Schultern. “Machen sie sich keine Vorwürfe. Die Frau war krank. Nicht nur psychisch übrigens. Sie litt an einer Unempfindlichkeit für Schmerzen. Darum konnte sie sich auch mir nichts dir nichts ihres Fingers entledigen.” Niklaus verzog das Gesicht. “Offenbar hat sie sich in etwas hineingesteigert”, fuhr der Polizeibeamte fort. ” Sie hat sich den vorderen Teil ihres Fingers nicht aus Versehen abgeschnitten, soviel ist klar. Hingegen ist uns noch nicht klar, wie sie zu dem Zyankali gekommen ist. Was Sie betrifft, so ist die Sache fürs erste erledigt. Ich denke, wir können von einem Selbstmord ausgehen.”
Eine ganze Weile war es ruhig. “Immerhin”, sagte Kurmann, ” sind keine weiteren Opfer zu beklagen. Es hätte schlimmer kommen können.” Niklaus sagte nichts. Er sah Verenas Gesicht vor sich, von abgrundtiefem Abscheu verzerrt.
“Nein”, dachte er, “schlimmer hätte es nicht kommen können.”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s