
Mit Auszeichnungen ist das so eine Sache. Es ist natürlich cool, ausgezeichnet zu werden, denn damit einher geht ja auch ein dickes Lob. Deshalb ganz herzlichen Dank, liebe Anhora, dass du mir den Versatile Blog Award verliehen und damit ganz nebenbei meinen englischen Wortschatz erweitert hast. Allerdings bringt Ehre auch immer Verpflichtung mit sich und also werde ich mir jetzt den Regeln entsprechend Gedanken machen, welchen fünfzehn anderen bloggeschädigten Mitmenschen ich den Award weiterreichen könnte und mich dann nach allen Regeln der Kunst gewandt darum herumdrücken, sieben bisher unbekannte Details aus meinem Leben zu verraten.
Obwohl so eine Preisverleihung ja immer rührselige Züge trägt: Bei meiner Mutter werde ich mich nicht bedanken. Beinahe hätte sie meine schriftstellerische Karriere nämlich zum Erliegen gebracht, obwohl ich zähneknirschend zugeben muss, dass ich die Schreibgene vermutlich von ihr geerbt habe. In der Primarschule allerdings fand mein gestrenger Lehrer, ich bedürfe zusätzlicher Förderung, worauf meine Mutter, die in solchen Fällen NIE zu widersprechen pflegte ihm zusicherte, mich während der Sommerferien jeden Tag einen Aufsatz schreiben zu lassen. Ich meine!!! Vermutlich packte sie nachträglich selber das schlechte Gewissen und um den Schaden zu begrenzen, gestaltet sich die Schreibübung in der Folge so, dass sie mir jeden Tag einen einseitigen Text vor- und ich ihn dann abschrieb. Wort für Wort. Fünf Wochen lang. Der Lerneffekt blieb natürlich nicht aus; ich kapierte, dass ich selber zu sowas nicht in der Lage war, nie sein würde und musste satte vierzig Jahre alt werden, um meine Meinung diesbezüglich zu ändern.
Jedes andere Kind hätte vermutlich aufgemuckt, aber ich war kein anderes Kind. Ich war ich und wies zeitweise neurotische Züge auf. Kaum ein Tick, an dem ich mich zwischen acht und sechzehn nicht versucht hätte. Am anstrengendsten war die Angewohnheit, mich jeden Abend vor dem Schlafengehen persönlich mit Handschlag von meinen Stofftieren verabschieden zu müssen, denn es waren ziemlich viele. Und wurden über die Jahre immer mehr. Eines Tages stand ich vor der Wahl, einen kalten Entzug zu machen oder durchzudrehen; wofür ich mich entschieden habe, das verrate ich hier jetzt aber nicht.
Sorgen bereitete meinen Eltern lange Zeit auch die unselige Angewohnheit, mich selbst in den Schlaf zu singen. Da konnten die Nachbarn reklamieren, soviel sie wollten, ich liess nicht von meinem Einschlafritual ab. Dass es zusätzlich von seltsamen, stereotypen Wackelbewegungen begleitet wurde, trug nicht zur Entspannung der Situation bei und mit sorgengefurchter Stirn standen die Eltern Nacht für Nacht vor meiner Zimmertür: Ob dadurch das Hirn geschädigt werden konnte?
Eines Tages war auch das überstanden, das Gewackel hatte ein Ende und ich musste mich Wichtigerem zuwenden: Das Taschengeld reichte nicht mehr aus. In den nächsten Jahren, während derer ich die Schulbank drückte, versuchte ich mich als Zeitungsverträgerin, Schulhausputzerin, Aktenversorgerin, Empfangsdame im Tenniszentrum (allerdings nur einen Sonntag lang; nachdem ich den Besitzer mehrmals angerufen hatte, weil ich das mit den automaischen Dachschiebefenstern nicht auf die Reihe kriegte und die Fenster den ganzen Nachmittag lang auf und zu und auf und zu und auf und wieder zu gingen, berücksichtigte er mich nicht mehr), und Marktforscherin. Aus dieser Zeit rührt übrigens mein wohl begründetes Misstrauen in „offizielle Umfragen“. Als ich meinen gesamten Bekanntenkreis durchgelassen, bzw. ihre Daten missbraucht hatte, war ich zum Glück mit meiner Ausbildung fertig und brauchte keine Nebenjobs mehr.
Drei Jahre später hatte ich viel gearbeitet und auch schon richtig viel Geld zusammen, also nahm ich mir eine kleine Auszeit von einem Jahr. Ich tat, was man so tut, wenn man ein bisschen Zeit hat, lernte segelfliegen und reiste mal hierhin und mal dorthin. Das Wertvollste, was ich in diesem Jahr aber schaffte war, meine Spinnenphobie zu überwinden (er hat sie nämlich von mir, der Teenager, jaja!). Nachdem ich in Australien Auge in Auge mit einer „Funnelweb Spider“ mein bisheriges Leben im Schnelldurchlauf gesehen hatte (gut – nicht wirklich – aber es hätte SEIN können – die vermehren sich da ja wie bei uns die Autos), hatte ich nachher, wieder zu Hause, fast gar keine Angst mehr vor den putzigen Achtbeinern. Hier tun sie mir ja nichts…
So richtig Angst hatte ich nachher nur noch einmal und das war, als der Teenager auf der Matte stand. Just als er bei mir klingelte, wähnte ich mich aufgrund erschreckender Lautäusserungen meiner Zimmernachbarin nämlich nicht in der Gebärabteilung, sondern in einem mittelalterlichen Folterkeller, worauf ich die ganze Übung wieder abblasen wollte. Ging aber nicht mehr. (Zum Glück, kann ich aus heutiger Sicht nur sagen.) Trotzdem blieb es dann bei dem einen, einzigen Teenager, worüber man jetzt denken kann, was man will, allein – während der ersten paar Jahre pflegte ich zu sagen: „Ach, er gibt mir mehr als genug, der kleine Wonneproppen.“
Damit hätte ich jetzt sechs Geheimnisse verraten. Das siebte und letzte allerdings, das ultimative, brisante, undenkbare …das verrate ich an dem Tag, an dem ich den Pulitzerpreis verliehen bekomme. Irgendwie muss man ja auch die grösste Ehre – und damit verbundene Pflicht – noch toppen können, nicht wahr?
Den Versatile Blog Award verleihe ich vorläufig nur einer einzigen Bloggerin, die ihn einerseits verdient hat, von der ich andererseits aber auch mit Sicherheit weiss, dass sie mir deswegen nicht die Freundschaft kündigt… oder sehe ich das falsch, liebes Flohnmobil?