Brotlos

Wie erfrischend, wenn der graue Alltag durch einen unvorhergesehen Zwischenfall aufgelockert wird. Da ist es zu verschmerzen, dass man im Lift steckenbleibt, keine verfügbare Nahrungsquelle findet, vergeblich an der Haltestelle wartet oder sich nicht kurz im Kaufhaus aufwärmen kann, weil es wie viele andere Betriebe seine Tür geschlossen hat. Mit freudiger Gelassenheit strömen die Menschen auf die Strasse, helfen das Tram von der Kreuzung zu schieben, freuen sich wie ein König über eine gerade noch ergatterte Brezel desselben und gehen vielleicht sogar reinen Gewissens nach Hause statt ins Büro.

Ein bisschen reut es mich schon, nicht wie der Teenager mitten im Geschehen gewesen zu sein.

Trotzdem gibt es selbst in solchen seltenen Sternstunden die Miesmacher, die wie immer rummeckern. Ein Kunde sei sehr erbost gewesen, lese ich in der Zeitung, dass man ihm das Sandwich, welches er bereits in der Hand gehalten habe, wieder weggenommen habe. Die Kasse funktionierte nicht mehr.

Mit Blick auf das aktuelle Weltgeschehen frage ich mich unwillkürlich: Wie werde ich wohl dereinst reagieren, wenn man mir das Sandwich aus der Hand nimmt? Weil das Zahlungssystem nicht mehr funktioniert?

Ich verdränge den unangenehmen Gedanken und beisse in mein Honigbrot. Noch ist es nicht soweit.

Ganz entspannt

Ab und an zwingt einen das Schicksal, Schritte zu machen, die man zwar schon seit längerem als richtig erachten würde, gegen die man sich aber nichtsdestoweniger sträubt.

Bei mir schlug die Vorsehung am letzten Donnerstag zu, kurz vor elf Uhr, in einer unfreundlich stürmischen Nacht. Das Auto weigerte sich, anzuspringen. Es fand wohl, jetzt sei es genug der Mühe und es hätte eine Pause verdient. Nur ganz kurz grollte ich ihm, um mich anschliessend höflich zu bedanken. Der Parkplatz, von dem aus ich es immerhin noch vor Mitternacht nach Hause schaffte, schien mir gut gewählt. Gerade in jüngster Zeit hätte es auch anders kommen und ich auf einer europäischen Autobahn stranden können!

Da es wider Erwarten nicht bloss an meiner Unfähigkeit lag (ich also NICHT aufgrund zunehmender Verwirrung den falschen Treibstoff getankt hatte), weilt das Auto immer noch in seinem verdienten Urlaub, wo es sich aufpäppeln lässt.

Das brachte mich dazu, um doch noch auf den Punkt zu kommen, endlich wieder einmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen. Schnell wurde mir klar, dass ich das schon länger nicht mehr getan hatte. Schon der Kauf des Tickets stellte mich vor ernsthafte Probleme.

Nachdem ich mir die Füsse wundgelaufen und endlich eine altmodische Schalterstelle (bedient!) gefunden hatte, gelang es mir in einer knappen Viertelstunde, der netten Dame zu erklären, welche Art von Fahrschein ich benötigte. Endlich war geklärt, dass ich weder nachts noch erst nach neun fahren wollte und auch noch kein Anrecht auf Seniorenrabatt habe. Nach sorgfältigem Abwägen aller möglichen Eventualitäten entschied ich mich dafür, jeweils auf dem Weg zur Arbeit nicht zu trödeln und Tickets zu erwerben, die nur eine Stunde gültig sind. Statt vierundzwanzig, was mir noch erlaubt hätte, unterwegs einzukaufen (im Keller gibt es noch einige Konserven). Ausserdem kratzte ich all meine Geografiekenntnisse zusammen und versuchte der netten Dame schlüssig klar zu machen, wo ich überall durchzufahren gedachte, wobei ich mir aber jetzt nicht ganz sicher bin, ob sie mir folgen konnte und mir die richtigen Zahlen auf meinen Fahrscheinen gedruckt hat. Spätestens bei der nächsten Kontrolle aber, so tröste ich mich, werde ich Genaueres wissen.

Das Reisen in Bus und Zug kann sehr entspannend sein. Jedenfalls dann, wenn man einen Sitz erhaschen kann. Während der Stosszeiten ist es nicht so entspannend; diesbezüglich weiss ich jetzt, wovon der Teenager redet, wenn er jeweils ein paar Tage vor den Ferien genervt ausruft: „Ich halte das nicht mehr aus!“

Was ich aber mehr als seltsam finde, ist die gespenstische Ruhe, die auch dann herrscht, wenn sich der Letzte gerade noch so hinein quetschen konnte. Keiner sagt etwas; so mucksmäuschenstill ist es im vollgestopften Bus, dass es für einmal sogar mir die Sprache verschlägt und dabei rede ich doch sogar mit mir selber, wenn ich allein im Auto bin.

Und weil ich dann ebenfalls, zum Nichtreden verdammt, einfach so dasitze (oder stehe!) und hinausgucke, bleibt mir gar nichts anderes übrig als mich – endlich – zu entspannen.

Smart?


Schon länger trage ich mich mit dem Gedanken, mir endlich auch ein Smartphone zuzulegen. Aus unerfindlichen Gründen schiebe ich diese Sache immer wieder vor mir her, was vielleicht damit zu tun hat, dass ich mich mit dem Begriff „smart“ schwer tue. In Verbindung mit mir. Dabei wäre es schon praktisch, schnell nachzusehen, wann der nächste Bus fährt. Auch sonst gibt es natürlich die wahnsinnigsten Apps. Jetzt, wo ich weiss, dass diese Abkürzung weder von ape noch von AP (dem Sprengstoff Acteonperoxid) kommt, sondern für Applikation steht, könnte ich mich für die eine oder andere durchaus begeistern. Wobei die neustens angebotene App “TV Selection“ von der Tages Anzeiger Kulturredaktion definitiv nicht dazugehört.

Erstens will ich mir mein Fernsehprogramm von niemandem vorschreiben lassen, zweitens hege ich schon länger einen Groll gegen die Tages Anzeiger Kulturredaktion. Der nahm seinen Anfang vor bald drei Jahren, kurz vor Barbies fünfzigstem Geburtstag. Ich hatte einen Artikel über die Zerrissenheit meiner Generation dieser Puppenikone gegenüber verfasst, den ich ganz witzig fand. Das fand auch die für mich zuständige Redaktorin der Zeitung, für die ich damals schrieb und bedauerte, dass er nicht in den Regionalteil passe. Ich solle ihn doch der Kulturredaktion. Das tat ich dann, um aber eine wohlwollend herablassende Antwort zu erhalten; netter Artikel, aber das Thema sei zu abgelutscht für ihre Seite. Als am 9. März auf ebendieser Seite ein ganzseitiger Artikel erschien, der zwar einen anderen Wortlaut aufwies, ansonsten aber exakt meinen Grundgedanken aufgriff, setzte das ein paar mir angeborene, im Alltag jedoch meist erfolgreich unterdrückte Wesenszüge meiner selbst frei, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.

Auch in jüngster Zeit stosse ich mich regelmässig an der Kulturredaktion des TA, oder vielmehr: an ihrem Geschmack. Während ich den blauen Dildo auf einem der letzten TA-Magazine auf den ersten Blick fälschlicherweise als Kunstobjekt qualifizierte und der ja auch auf den zweiten Blick recht niedlich aussah, war das heutige Titelbild schlicht eine Beleidigung fürs Auge. Grundsätzlich habe ich nichts gegen nackte alte Männer, aber um ehrlich zu sein, mag ich auch keine jungen nackten Männer grossformatig auf dem Frühstückstisch. Und: ich könnte mir vorstellen, dass ich da nicht die Einzige bin, die sowas nicht mag.

Was man sich dagegen wünschen würde, wäre eine andere Kulturredaktion. Eine etwas smartere.

Neue Generation

„Wie niedlich“, flüsterte ich beim Familienessen meiner Tischnachbarin zu, „das ist dem ehemals kleinen Teenager manchmal auch passiert.“ Auch der war ab und zu noch während des Essens, von Müdigkeit übermannt, kurzzeitig weggetreten und, das Köpfchen auf der Brust, selig weggedämmert. Genau dies widerfuhr in diesem Moment offenbar dem jüngsten anwesenden Mitglied des Clans, das gerade mal zwei Jahre alt war. Dachte ich. Doch jäh wurden meine nostalgischen Erinnerungen zunichte gemacht. „Der schläft nicht, der spielt mit dem i-Phone“, gab meine Schwägerin trocken zu Antwort. Sie hatte den besseren Blickwinkel und liess sich von dem niedlichen Blondschopf nicht in die Irre führen.

Erst wollte ich ihr nicht glauben, ging etwas näher ans Geschehen und liess mich schliesslich fasziniert neben dem Kleinen nieder, der mich grosszügig sofort in sein Unterhaltungsprogramm mit einbezog. Mit seinen kleinen Fingerchen schob er mit einem feinmotorischen Geschick, von dem ich nur träumen kann, die Fotos hin und her („Das ist mein Bruder.“ …“Das bin ich.“… „Das ist ein F18.“), drückte da auf einen Pfeil um ein Filmchen abzuspulen und verkleinerte dort einen Ausschnitt (vergrössern konnte er ihn noch nicht – immerhin!), es war nicht zu fassen.

„Die beiden haben das ganz alleine herausgefunden“, erklärte die Mutter entschuldigend. Eines Morgens sei es ungewöhnlich ruhig gewesen (wer je selber kleine Kinder hatte, weiss, dass man sich in einem solchen Moment ebenfalls ruhig verhält, selbst auf die Gefahr hin, dass das Badezimmer unter Wasser gesetzt, der Kühlschrank ausgeräumt oder die Wohnungseinrichtung zugeklebt wird – Hauptsache, man kann noch etwas liegenbleiben). Als sie schliesslich nachgesehen habe, hätten die beiden Jungs, unplanmässig an ihr i-Phone gelangt, den autodidaktischen Kurs bereits erfolgreich abgeschlossen gehabt.

Ja, so ist das. Unsereins muss sich diese Fertigkeiten mit dem Messer zwischen den Zähnen hart erkämpfen; die neue Generation wird damit geboren.

Eine Weile schauten wir dem Kleinen noch wohlwollend, wenn auch ein bisschen neidisch zu. Erst, als er – ich unterstelle ihm, dass es kein Versehen war, sondern pure Absicht! – eine Nachricht versandt hatte, nahm die Mutter ihr i-Phone wieder an sich. Was ihr nur deshalb gelang, weil just in diesem Augenblick der Nachtisch kam.

Sonnenscheindauerneid

Ob es an der ungewöhnlichen Menge Sonnenschein liegt, von der unsereins, weil meist unter der Nebeldecke, sonst nur träumen kann? An der Frische des neuen Jahres? Vielleicht an der positiven Energie, welche das Wegräumen sämtlicher Guezli-Büchsen verströmt?

Für Frühlingsgefühle ist es eigentlich zu früh. Nichtsdestoweniger fällt mein Blick jeden Morgen, wenn er das neue Kalenderblatt scannt, als erstes auf die unscheinbare Fussnote, die Sonnenaufgang und Sonnenuntergangszeit benennt. Sehnsüchtig verfolge ich Tag für Tag, wie sie sich schleppend, Minute für Minute, weiter am Horizont emporarbeitet – jedenfalls aus meiner Sicht, welche nun mal recht beschränkt ist – und die Tage lang und länger ganz, ganz langsam ein klitzekleines bisschen weniger kurz werden.

Das dauert wieder mal!!!

Heute nahm meine Ungeduld überhand und ich wollte ein bisschen mehr wissen. Bei meinen Recherchen stiess ich auf diese Seite und stellte mit Schrecken fest: Es gäbe noch mehr Gründe, Zürich zu verlassen. Während die Sonne in Basel zwar vier Minuten später auf- aber fairerweise auch vier Minuten später untergeht, verhält sich die Sache in Luzern (da scheint sie drei Minuten länger), Bern (sechs Minuten länger!) und Genf (plus ganze neun Minuten!!!) anders.

Und es soll mir jetzt niemand mit der geografischen Lage kommen; wo die Schweiz doch so ein lächerlich kleiner Klacks auf der Weltkugel ist…

Gott sei Dank liegt Zürich meist unter einer dicken Nebeldecke – da fällt die haarsträubende Ungerechtigkeit nicht allzu sehr ins Gewicht.

Und Gott sei Dank ist Zürich – allen Unkenrufen zum Trotz – eben doch eine sehr, sehr schöne Stadt.

Alles gleich


Die Zürcher Bahnhofstrasse soll „eleganter werden, internationales Flair“ erzeugen. Dem unhaltbaren Wildwuchs von uneinheitlichen Rabatten, Lampen, Bänken, Randsteinen, Abfallkübeln, Wartehäuschen und Baumschutzscheiben soll ein für allemal Einhalt geboten werden.

So ist es in der Zeitung zu lesen.

Was (noch) nicht zu lesen ist – man darf gespannt sein auf die nachfolgenden Leserbriefe – ist die Meinung der Stadtbewohner. Immerhin kenne ich diejenige einer internationalen Bekannten, die mir kürzlich anvertraut hat, sie finde Zürich zwar eine schöne Stadt, aber sie mache ihr auch ein wenig Angst. Alles sei so genormt bei uns, so sauber, so geregelt …ja, irgendwie fast ein bisschen unheimlich halt.

Ich glaube, ich verstehe, was sie meint. Und frage mich, wie lange man es sich in einer Stadt wie Zürich noch erlauben darf, wenigstens als Individuum nicht der gängigen Norm zu entsprechen.

Neue Zeit

Hätte mich nicht meine liebe Freundin, das Flohnmobil, darauf aufmerksam gemacht, ich hätte es glatt übersehen. Dabei habe ich heute vor zwei Jahren mit klopfendem Herzen zum ersten Mal auf „veröffentlichen“ geklickt um anschliessend im Viertelstundentakt nachzusehen, was sich so tut. Auf der Schreibschaukel.

Heute lese ich „Zwischen den Zeiten“ nochmals und zwinkere meinem Alter Ego zu. „Gar nicht übel“, sage ich zu ihm und tröste es über ein paar kleinere oder grössere Missgeschicke hinweg. „Den Namen hast du gut gewählt“, lobe ich, „auf den kannst du stolz sein“. (Und wehe, es klaut ihn uns jemand!) „Die vielen Stunden, die du während des ersten Jahres vor dem Laptop vertrödelt hast, waren nicht umsonst“, gebe ich zu bedenken. „Immerhin haben wir dabei bzw. nebenbei eine Menge gelernt und wo wären wir jetzt ohne das alles?!“

Mein Alter Ego nickt bedächtig, fragt aber griesgrämig zurück: „Und jetzt? War’s das? Wird die Schaukel immer weniger schwingen, bis sie eines Tages stille steht?“

Es hat nicht verstanden, mein Alter Ego. Nicht verstanden, dass wir eins sind. Die Summe der Bewegung bleibt sich gleich. Und während die Schaukel es sich mittlerweile erlauben darf, auch mal bloss im Wind zu schwingen, nütze ich ihre kinetische Energie und gebe meine Bestes, die Bewegung, die sie in mein Leben gebracht hat (und wer hätte das gedacht, vor zwei Jahren!), in Schwung zu halten.

Das ist nicht immer leicht, manchmal sogar sehr schwierig. Aber es ist spannend und so viel belebender als zwischen den Zeiten… still zu stehen.

Strich oder kein Strich, das ist hier die Frage

Weihnachten hin oder her – gestern verknurrten wir den Teenager zum Film „Schindlers Liste“, der im Fernsehen lief. Keine leichte Kost, aber gerade deshalb nach wie vor aktuell. Der Film, obwohl in schwarzweiss gedreht, malt nicht ebenso sondern differenziert. Der Antiheld, ein recht zweifelhafter und allein auf den eigenen Profit bedachter Geselle, mutiert fast widerwillig zum Gutmenschen. Während der Krieg bei vielen Menschen das Schlechte zum Vorschein bringt, scheint es also auch andersrum zu funktionieren. So oder so hat der Film ein Stück Zeitgeschichte zum Inhalt, das wir zwar gern vergessen würden, aber nicht sollten. Auf keinen Fall nämlich sollte man vergessen, wohin die Manipulation der Massen führen kann, gerade weil wir uns auch heute noch viel zu leicht manipulieren lassen.

Nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten – „Ist jetzt der ganze Film schwarzweiss?“, moserte der Teenager leicht genervt – zog uns die Geschichte in ihren Bann. Mich, weil ich sie schon kannte, den Teenager, weil er sie noch nicht kannte.

Immerhin gab es einmal trotz aller Tragik einen Lacher zu verbuchen. Das war, als die Kamera zum ersten Mal aufs Eingangstor von Schindlers Fabrik schwenkte. „Deutsche Emailwarenfabrik“ war da in altmodisch geschwungenen Buchstaben zu lesen. Den Teenager riss es fast aus dem Sofa: „Ist das die Möglichkeit?“, wunderte er sich, „gab es da schon …“

Aber nein, damals gab es natürlich noch kein E-mail, bloss Email. Und nachdem wir dem Teenager mit dem Hinweis auf die Badewanne schlüssig erklärt hatten, was das ist, entspannte er sich wieder. Jedenfalls so weit, wie sich das bei dem aufwühlenden Film, der auch heute während des Nachtessens wieder viel zu reden gab, machen liess.

Nichts tun dürfen

Fast genauso schön wie Heiligabend ist der erste Weihnachtstag – vor allem dann, wenn man nichts tun muss, auch nichts tun will – vor allem aber: nichts tun darf. Also im Sinn von: Man darf das – nichts tun. (Sprachlich – und auch sonst – nicht ganz einfach, wie ich gerade feststellen muss).

Wie gut, dass ich einen Co-Autor habe. Zwar findet der es mittlerweile meist unter seiner Würde, hier zu publizieren, aber immerhin hat er mir die Erlaubnis gegeben, mich mit seinem Blog zu verlinken. Das macht er natürlich nicht bloss aus Nächstenliebe. Nein, nein – da haben wir einen Deal. Ich darf auf seinen Blog und er auf mein Bett. Und so sind dann (fast) alle zufrieden.

   Weihnachts(sch)maus

Weihnachtsüberraschung


Die schönsten Weihnachtsüberraschungen sind die unerwarteten. Das erfuhr ich heute, als ich ziemlich müde nach einem langen Arbeitstag nach Hause kam und ein unscheinbares Päckchen auf mich wartete. „Bestimmt ein Werbegeschenk“, dachte ich.

Doch. Welche. Überraschung!

Als mich damals der Organisator der Frauenfeld Krimitage um die Zustimmung gebeten hatte, meine Einwilligung zu einer allfälligen Publikation zu geben, hatte ich nicht lange nachgedacht und zugesagt. Sowieso würde es, so dachte ich, dazu vermutlich gar nicht kommen. Ein bisschen stolz war ich ja schon gewesen, auf der Liste der nominierten Autoren zu sein, aber bald war die Episode wieder vergessen. Bis heute, als ich staunend das allererste Buch in den Händen hielt, in dem mein Name auftaucht. Ja gut, ich bin eine von vielen – aber das tut meiner Freude keinen Abbruch. Und so lege ich mir das edle Werk strahlend unter den bereits geschmückten Weihnachtsbaum, obwohl es da eigentlich gar nicht so richtig hinpasst…

Da ich das Urheberrecht an meiner Geschichte zwar für diese Publikation zur Verfügung gestellt, aber nicht abgetreten habe, spricht eigentlich nichts dagegen, meinen treusten Bloglesern das Präsentli weiterzureichen. Wer Lust hat, darf auf das Päckli rechterhand klicken und kommt dann zu meiner Weihnachtsgeschichte Krimibaustelle. Das Tolle an diesem meinem Weihnachtsgeschenk an euch, liebe Leser:

-Ihr müsst es nicht auspacken.
-Ihr müsst es nicht umtauschen.
-Ihr müsst es nicht verstecken und bei Gelegenheit aus dem Schrank
holen.
-Ihr müsst euch nicht einmal die Mühe machen und „Zweimal Weihnachten“ berücksichtigen.
Weil:
-Ihr könnt es ohne schlechtes Gewissen auch einfach ignorieren.

Gern geschehen! ;-)

Wiederentdeckt


Mein Bruder hatte mich darauf aufmerksam gemacht und so googelte ich flugs den Namen – „Cora 1″. Cora hatte nämlich fast zeitgleich mit mir das Leben erblickt und genau wie bei mir war mein Vater massgeblich an ihrer Entstehung beteiligt gewesen. Was ich ihm alles zu verdanken habe, lässt sich nicht so genau definieren, aber bei meiner Halbschwester war es der Kernspeicher, für den er verantwortlich zeichnete und wenngleich ich mich noch schwach an seltsame Schalttafeln und Magnetspulen erinnern kann, weiss ich nicht genau, was das ist, weshalb sich Interessierte hier kundig machen mögen.

„Cora 1″ wurde kürzlich in einem Kellerraum der ETH Lausanne wiederentdeckt und darauf in verschiedenen Online Nachrichten erwähnt, so zum Beispiel auch im Computer Magazin PC Online, wo ich schliesslich auf den Namen meines Vaters und lauter weitere bekannte (nämlich die seiner Arbeitskollegen) gestossen bin:


„…Wer war an Cora beteiligt?

Peter Toth leitete, wie er in einem Gespräch an der ETH Zürich am 17. November 2011 erzählte, bei der Contraves, die später nach Zürich Oerlikon umsiedelte, seit 1957 die Abteilung ETC (Entwicklung, Technologie, Computer), die am Schluss 32 Ingenieure beschäftigte. Darunter waren u.a. Theodor Angehrn (Schaffhausen, Berechnung von Schaltkreisen), Arthur Sturzenegger (†, Entwicklung des Kernspeichers), Hans-Peter Girsberger (Regensdorf, Elektronik für Ein- und Ausgabegeräte), Peter Blum (Oberhasli, Toths Stellvertreter und Nachfolger für die Cora 2), Katharina Tomica (Steinmaur, Programmierung) und Hans Thomale (Hägendorf, Leiter Programmierung). Ein Telefongespräch mit Peter Blum fand am 19. November 2011 statt. Cora 1 (1963) ist der erste in der Schweiz gebaute Transistorrechner, der erste industriell gefertigte digitale Prozessrechner der Schweiz. (ph)… „

Der Ausblick durch dieses kleine Fenster in die Vergangenheit ist für mich ein spezieller und weckt mancherlei Erinnerungen und Emotionen. Ich sehe die von meinem Bruder und mir geschätzten grossen Papierbögen mit den perforierten Rändern vor mir, die mein Vater jeweils nach Hause brachte und auf denen wir zu zeichnen pflegten. Bei einem Besuch in seinem Büro standen wir staunend vor den ersten Rechnern, die ein ganzes Zimmer füllten und wer hätte gedacht, dass mein kleiner Laptop jetzt, kaum ein halbes Jahrhundert so viel mehr leistet als die Ungetüme von damals?

Ich bin stolz auf meinen Vater, der sich zu einer Zeit mit der neuen Technik befasst hat, als viele das Humbug fanden und traurig, dass er die rasante Entwicklung der letzten 15 Jahre nicht mehr miterlebt hat. Schmunzelnd überlege ich mir, was er wohl dazu sagen würde, dass seine schusselige Tochter, die im Gegensatz zu ihrem Bruder so gar nichts mit Technik am Hut hatte und hat, sich heute ein Leben ohne Computer nicht mehr vorstellen kann.

Was mich wunder nehmen würde: Woher stammt wohl der Name Cora und wessen Idee war er? Während ich nämlich in meiner Erinnerung krame, fällt mir ein, dass mir meine Mutter einmal erzählt hat, kurz nach ihrer Einreise in die Schweiz eine Kolumne für die Appenzeller Zeitung verfasst zu haben, über einen Papagei namens Cora. Damals kannte sie meinen Vater noch nicht, es war nicht abzusehen, dass sie eines Tages eine Tochter haben würde, die auch gerne schreibt und deren Vater an einem Rechner namens Cora beteiligt sein würde.

Das Leben besteht aus seltsamen Zufällen, aber so manches fügt sich im Nachhinein zusammen wie die unförmigen Steine eines Mosaiks zu einem sinnmachenden Ganzen.

Die Sache mit den Weihnachstgeschenken

Was Weihnachtsgeschenke betrifft, so bin ich ein Fan. Ich meine – was spricht dagegen, sich Geschenke zu machen? Man sollte jede Gelegenheit benutzen, es tun zu können. Als Folge dieser meiner Überzeugung mutiert üblicherweise der Kellerraum, wo Fieldo the cat des Nachts zu residieren pflegt, damit er ungestört rein und raus und wieder rein und raus und nochmals rein und raus kann, zur veritablen Päckliwerkstatt. (In Bezug auf ihn mache ich mir übrigens keine Sorgen mehr und rufe am Wochenende verstört bei der Tierärztin an, bloss weil mein Co-Autor vier knallrote Pfoten hat. Das ist nämlich nicht wie anfänglich befürchtet eine Folge seiner nächtlichen Arbeitswut, nein, er ist vermutlich wieder mal taufrisch über das Seidenpapier gelatscht.)

Auf dem grossen alten Tisch werden dann also die verschiedenen Geschenkpapiere ausgelegt, ein Karton mit zig verschiedenfarbigen Geschenkbändern dazu gestellt und ergänzt wird das Ganze mit einer Kiste, in der sich gesammelter Weihnachtsmüll befindet. Dieser lässt sich im Zeichen des Recyclingzeitalters kreativ und kunstvoll zwecks Dekoration wiederverwenden.

Das Fatale in diesem Jahr ist bloss: Ich habe nichts einzupacken. Während ich sonst nämlich schon Wochen vor Weihnachten selig durch die Geschäfte streife, um für jeden das Passende zu finden, fehlt mir heuer schlichtwegs die Zeit dazu.

Was tun? Einfach „nichts“ einpacken, weil es ja sowieso Menschen gibt, die sich über das Päckli mehr freuen als über den Inhalt? (Meine Mutter pflegt die ihrigen frühestens ein Jahr später auszupacken, wenn es Nachschub gibt, weshalb man extrem aufpassen muss, WAS man einpackt). Nichts einzupacken habe ich zumindest beim Handyman schon ausprobiert, weil der auf die Frage nach seinem Wunsch präzise mit „nichts“ geantwortet hatte. Er fand es aber dann doch wieder blöd und da sieht man mal wieder, dass auch Männer nicht immer meinen, was sie sagen. Nichts ist also auch (nicht) nichts.

Tja, meine Lieben, mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als zu verkünden: Wollen wir uns in diesem Jahr nicht aufs Wesentliche beschränken. Mal einfach Weihnachten feiern und den ganzen Einkaufsrummel aussen vor lassen? Schliesslich ist ja der Sinn der Sache usw. und überhaupt, also ihr wisst schon…

Kann mir jemand sagen, wieso sich das so falsch anhört, obwohl es doch richtig ist, wäre, sein sollte…?

Weihnachts(g)wunder

Das Thema „Bräuche und Rituale“ eignetet sich vorzüglich, um termingerecht in der Schule auch Weihnachten zu thematisieren. Eine tolle Gelegenheit, denkt man sich, um nebst der ganzen Weihnachtshektik und Einkaufshysterie rundherum auf ein paar wesentliche Dinge hinzuweisen. Wie verhält sich zum Beispiel der Christbaum zur Weihnachtgeschichte? Wo es doch im Stall zu Bethlehem noch keinen gab (von Kugeln, Lametta und Kerzen, auch wenn damals die feuerpolizeilichen Auflagen moderater als heute gewesen sein dürften, ganz zu schweigen!)? Und wieso konnte sich die Weihnachtsgeschichte in zwei Jahrtausenden um die ganze Welt verbreiten, so dass sie – zumindest bei uns – jedes Kind kennt?

Man mag glauben, was man will: Die Geschichte ist gut. Sie ist durchdacht. Sie ist zweckdienlich. Und spannend. Wo sonst findet sich Heilsbringung neben Mord und Totschlag, gesellen sich weitgereiste, vornehme Herren zu schmutzigen, ungebildeten Hirten (die notabene als erste von den himmlischen Boten berücksichtigt wurden – welch Skandal!), stellt ein eben auf die Welt gekommenes Kind – dessen Herkunft ganz nebenbei so manches Getuschel ausgelöst haben dürfte – die Mächtigen in den Schatten, darf sogar ein Esel mit aufs Gruppenbild.

Ich gestehe, ich bin ein Fan der Weihnachtsgeschichte und gehöre zu denen, die sie jedes Jahr ohne Rücksicht auf familiäre Verluste kompromisslos vorlesen. Mit Inbrunst! Gut, sie mag ein geniales Konstrukt findiger Christen sein, die mit ihrer Hilfe die neue Religion verankern und diese historisch und auch vom prophetischen Standpunkt aus glaubhaft machen wollten. Nichtsdestoweniger ist sie für mich von grosser Bedeutung, denn wie es sich oft verhält mit den wirklich wichtigen Dingen: Nicht selten ist die Wahrheit in der Fiktion zu finden und so steckt auch die Weihnachtsgeschichte (für mich) voller symbolischer Wahrheiten.

Aus diesem Grund genoss ich die zwei Stunden, in denen wir über Weihnachtbräuche, ihre Herkunft und Bedeutung sprachen sehr. Zumal sich die Kinder nicht, wie ich anfänglich befürchtet hatte, dabei langweilten. Das sei eine erstklassige Geschichte, meinte ein zehnjähriger, mit den hiesigen Weihnachtsbräuchen bestens vertrauter Junge am Schluss beeindruckt. Allerdings entspreche es nicht der Wahrheit, dass sie jedem Kind bekannt sei.

Er zum Beispiel habe sie an diesem Morgen zum allerersten Mal gehört.

Durchhänger

Jetzt, wo der schöne Pokal langsam aber sicher Schnee von gestern ist, es auf meinem Blog zu meiner Überraschung – ganz anders als im wirklichen Leben – zu schneien begonnen hat und ich meinen bisherigen Rekord im Nichtschreiben gebrochen habe, wäre es höchste Zeit für einen neuen Beitrag.

Die Motivation ist rein theoretisch vorhanden, praktisch momentan aber nicht umsetzbar, was an einer unbestimmten Mattigkeit liegt, herrührend von einer klar bestimmbaren Sattigkeit (nein, das Wort steht nicht im Duden, leider). Diesen betrüblichen Umstand habe ich dem geschätzten Flohnmobil zu verdanken, das sich für die Weiterreichung des Pokals auf seine Weise gerächt bedankt und mich heute ausser Gefecht gesetzt hat. Seine Waffe war so einfach wie effizient; schlicht raffiniert: Da es vor Jahren in seiner Funktion als Lokaljournalistin diesbezüglich recherchiert hatte, wusste es ganz genau, wo die besten Cremeschnitten der Region erhältlich sind und rückte gleich mit sechs Stück davon zur Mittagszeit an.

Keine Frage, die Dinger sind auch drei Jahre nach der Verleihung des Ordens noch sehr empfehlenswert. Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, damals im Artikel von allfälligen Nebenwirkungen wie Unwohlsein, akuter Gewichtszunahme, Trägheit, und allgemeiner Bewegungsmüdigkeit (auch feinmotorisch) gelesen zu haben.

Aber gut – vielleicht hätte ich auch nicht drei von den Dingern an einem Tag essen sollen.

Gepriesen sei der Preis


Mit Auszeichnungen ist das so eine Sache. Es ist natürlich cool, ausgezeichnet zu werden, denn damit einher geht ja auch ein dickes Lob. Deshalb ganz herzlichen Dank, liebe Anhora, dass du mir den Versatile Blog Award verliehen und damit ganz nebenbei meinen englischen Wortschatz erweitert hast. Allerdings bringt Ehre auch immer Verpflichtung mit sich und also werde ich mir jetzt den Regeln entsprechend Gedanken machen, welchen fünfzehn anderen bloggeschädigten Mitmenschen ich den Award weiterreichen könnte und mich dann nach allen Regeln der Kunst gewandt darum herumdrücken, sieben bisher unbekannte Details aus meinem Leben zu verraten.

Obwohl so eine Preisverleihung ja immer rührselige Züge trägt: Bei meiner Mutter werde ich mich nicht bedanken. Beinahe hätte sie meine schriftstellerische Karriere nämlich zum Erliegen gebracht, obwohl ich zähneknirschend zugeben muss, dass ich die Schreibgene vermutlich von ihr geerbt habe. In der Primarschule allerdings fand mein gestrenger Lehrer, ich bedürfe zusätzlicher Förderung, worauf meine Mutter, die in solchen Fällen NIE zu widersprechen pflegte ihm zusicherte, mich während der Sommerferien jeden Tag einen Aufsatz schreiben zu lassen. Ich meine!!! Vermutlich packte sie nachträglich selber das schlechte Gewissen und um den Schaden zu begrenzen, gestaltet sich die Schreibübung in der Folge so, dass sie mir jeden Tag einen einseitigen Text vor- und ich ihn dann abschrieb. Wort für Wort. Fünf Wochen lang. Der Lerneffekt blieb natürlich nicht aus; ich kapierte, dass ich selber zu sowas nicht in der Lage war, nie sein würde und musste satte vierzig Jahre alt werden, um meine Meinung diesbezüglich zu ändern.

Jedes andere Kind hätte vermutlich aufgemuckt, aber ich war kein anderes Kind. Ich war ich und wies zeitweise neurotische Züge auf. Kaum ein Tick, an dem ich mich zwischen acht und sechzehn nicht versucht hätte. Am anstrengendsten war die Angewohnheit, mich jeden Abend vor dem Schlafengehen persönlich mit Handschlag von meinen Stofftieren verabschieden zu müssen, denn es waren ziemlich viele. Und wurden über die Jahre immer mehr. Eines Tages stand ich vor der Wahl, einen kalten Entzug zu machen oder durchzudrehen; wofür ich mich entschieden habe, das verrate ich hier jetzt aber nicht.

Sorgen bereitete meinen Eltern lange Zeit auch die unselige Angewohnheit, mich selbst in den Schlaf zu singen. Da konnten die Nachbarn reklamieren, soviel sie wollten, ich liess nicht von meinem Einschlafritual ab. Dass es zusätzlich von seltsamen, stereotypen Wackelbewegungen begleitet wurde, trug nicht zur Entspannung der Situation bei und mit sorgengefurchter Stirn standen die Eltern Nacht für Nacht vor meiner Zimmertür: Ob dadurch das Hirn geschädigt werden konnte?

Eines Tages war auch das überstanden, das Gewackel hatte ein Ende und ich musste mich Wichtigerem zuwenden: Das Taschengeld reichte nicht mehr aus. In den nächsten Jahren, während derer ich die Schulbank drückte, versuchte ich mich als Zeitungsverträgerin, Schulhausputzerin, Aktenversorgerin, Empfangsdame im Tenniszentrum (allerdings nur einen Sonntag lang; nachdem ich den Besitzer mehrmals angerufen hatte, weil ich das mit den automaischen Dachschiebefenstern nicht auf die Reihe kriegte und die Fenster den ganzen Nachmittag lang auf und zu und auf und zu und auf und wieder zu gingen, berücksichtigte er mich nicht mehr), und Marktforscherin. Aus dieser Zeit rührt übrigens mein wohl begründetes Misstrauen in „offizielle Umfragen“. Als ich meinen gesamten Bekanntenkreis durchgelassen, bzw. ihre Daten missbraucht hatte, war ich zum Glück mit meiner Ausbildung fertig und brauchte keine Nebenjobs mehr.

Drei Jahre später hatte ich viel gearbeitet und auch schon richtig viel Geld zusammen, also nahm ich mir eine kleine Auszeit von einem Jahr. Ich tat, was man so tut, wenn man ein bisschen Zeit hat, lernte segelfliegen und reiste mal hierhin und mal dorthin. Das Wertvollste, was ich in diesem Jahr aber schaffte war, meine Spinnenphobie zu überwinden (er hat sie nämlich von mir, der Teenager, jaja!). Nachdem ich in Australien Auge in Auge mit einer „Funnelweb Spider“ mein bisheriges Leben im Schnelldurchlauf gesehen hatte (gut – nicht wirklich – aber es hätte SEIN können – die vermehren sich da ja wie bei uns die Autos), hatte ich nachher, wieder zu Hause, fast gar keine Angst mehr vor den putzigen Achtbeinern. Hier tun sie mir ja nichts…

So richtig Angst hatte ich nachher nur noch einmal und das war, als der Teenager auf der Matte stand. Just als er bei mir klingelte, wähnte ich mich aufgrund erschreckender Lautäusserungen meiner Zimmernachbarin nämlich nicht in der Gebärabteilung, sondern in einem mittelalterlichen Folterkeller, worauf ich die ganze Übung wieder abblasen wollte. Ging aber nicht mehr. (Zum Glück, kann ich aus heutiger Sicht nur sagen.) Trotzdem blieb es dann bei dem einen, einzigen Teenager, worüber man jetzt denken kann, was man will, allein – während der ersten paar Jahre pflegte ich zu sagen: „Ach, er gibt mir mehr als genug, der kleine Wonneproppen.“

Damit hätte ich jetzt sechs Geheimnisse verraten. Das siebte und letzte allerdings, das ultimative, brisante, undenkbare …das verrate ich an dem Tag, an dem ich den Pulitzerpreis verliehen bekomme. Irgendwie muss man ja auch die grösste Ehre – und damit verbundene Pflicht – noch toppen können, nicht wahr?

Den Versatile Blog Award verleihe ich vorläufig nur einer einzigen Bloggerin, die ihn einerseits verdient hat, von der ich andererseits aber auch mit Sicherheit weiss, dass sie mir deswegen nicht die Freundschaft kündigt… oder sehe ich das falsch, liebes Flohnmobil?

Eigentlich…

Wie ist es zu erklären, dass…

…der Lärmpegel im Schulzimmer deutlich geringer als üblich ist?
…die Schülerschar freudig und ausnahmslos bei jeder Frage aufstreckt?
…sämtliche Erklärungen auf überdurchschnittliches Interesse stossen?
…alle ohne aufzumucken genau das tun, was ich gern hätte, das sie tun?
…die Klassengemeinschaft ein Herz und eine Seele ist?
…ich in lauter freundliche, offene Kindergesichter blicke?

Richtig: Es ist Besuchsmorgen im Schulhaus. Vergessen die unselige Stunde, nach der ein Mädchen in sein Lernjournal schrieb: „Heute habe ich gelernt, dass Frau S. richtig wütend werden kann.“

Wenn ich’s mir recht überlege – könnte eigentlich jeden Tag Besuchsmorgen sein!

Work-Life Balance

Vor noch nicht allzu langer Zeit schrieb darüber und jetzt arbeite ich selber daran.

Interessant zu diesem Thema übrigens der Text im heuten Tages Anzeiger Magazin, der propagiert, man solle es mit der Trennung von Arbeit und Freizeit nicht so genau nehmen, denn nur eine massvolle Verflechtung beider Bereiche garantiere ein erfülltes und anregendes Leben. Nun bin ich mir zwar nicht sicher, ob die Kassiererin im Coop oder der Arbeiter am Laufband das auch so sehen, aber für mich selber stimmt die These. Dass es ein Privileg ist, einen Beruf zu haben, bei dem man sich persönlich einbringen darf und auch soll, das wird mir immer wieder klar.

Der Kurs, den ich zwecks Weiterbildung mache, macht auch Spass und deckt sich mit meinem Hobby. Ich muss innert kurzer Zeit fünf Bücher lesen, weil das die Klassenlektüre-Reihe verlangt? Kein Problem – ich lese gerne – auch Kinderbücher. Dank meines Hausamtes habe ich wieder mal einen Grund, bei Ikea zu stöbern, um ein Schnäppchen zwecks Verschönerung der Schülerbibliothek zu machen. Endlich MUSS ich meine Französischkenntnisse auffrischen – was ich schon seit Jahren vorhatte – um meinen Schülern wenigstens eine Nasenlänge voraus zu sein. Ich kann mir zu einem Spottpreis Mummenschanz ansehen, gratis und franco die Mani Matter Ausstellung reinziehen und anlässlich des ZVV-Tages in netter Begleitung einen Tag im ganzen Kanton rumkurven; da sehe ich grosszügig darüber hinweg, dass die investierten Stunden mein halbes Pensum ab und zu sprengen. Mit den Leuten – Erwachsenen wie auch Kindern – wäre ich auch dann gern zusammen, wenn ich es nicht müsste. Ich lerne ständig dazu und bin sehr dankbar dafür, weil aus eigenem Antrieb die Ausbeute womöglich etwas bescheidener ausfallen würde.

Ausserdem bestätigt sich einmal mehr das Gesetz von Spannung und Entspannung, geniesse ich doch meine Freizeit viel intensiver als früher und bin alles in allem zufriedener mit mir und meinem Leben. (Die Unkenrufe des Handymans, der behauptet, mir fehle jetzt einfach die Zeit zum Nachdenken, überhöre ich geflissentlich.)

Trotzdem ist es manchmal für die Psychohygiene enorm wichtig, eine klare Trennung zwischen Beruf und Freizeit zu machen. Nicht in Ordnung ist es beispielsweis, am Samstagmorgen, wo man endlich wieder mal ausschlafen kann, viel zu früh und mit dem Gedanken zu erwachen: „Ach du Sch… – nur noch 48 Stunden bis zu diesem vermaledeiten Besuchsmorgen ….!!!“

Wie gesagt – ich arbeite daran.

Un!gezogen

Das Novemberschreiben habe ich mittlerweile … abgeschrieben. Daran ist nicht nur die Arbeit schuld, nein, man hat ja noch andere Hobbies. Dazu gehört zum Beispiel das Umziehen. Weil ich nicht die Möglichkeit habe, alle naselang in eine andere Wohnung zu ziehen – das wäre mir letztlich auch ZU mühsam – fröne ich meiner Leidenschaft innerhalb unseres Hauses. Und weil es sich nun mal nicht um eine Zehnzimmervilla handelt, habe ich in den letzten 23 Jahren die meisten Zimmer schon mehrmals berücksichtigt. Ab und zu gab es einen handfesten Grund, umzuziehen, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich einfach Spass daran. Ohne Geld in neue Möbel oder Accessoires zu investieren komme ich so zu einem neuen Wohngefühl und in den Genuss der unbeschreiblichen, unbezahlbaren Entspannung, die sich nur nach einem anstrengenden Wochenende einstellt, welches man mit Möbelschleppen verbracht hat. Das nachfolgende Schlafmanko – man muss sich zuerst wieder an die neue Schlafecke gewöhnen! – tut das seinige dazu, dass man tagsüber leicht belämmert dahinschwebt und sich fühlt wie zuletzt als umtriebiger Teenager.

Obwohl wir ja nicht in einer Zehnzimmervilla leben, ist es übrigens erstaunlich, wie oft man in einem durchschnittlichen Reihenhaus umziehen kann. (Gut, in der Waschküche habe ich bisher noch nie geschlafen – aber man sollte sich nie alle Optionen vergeben). Von oben nach unten, von links nach rechts, von dieser Seite zu jener, ins Zimmer gegenüber, wieder zurück und anschliessend in dasjenige daneben. Im Moment bin ich ganz unten angelangt und das ist schön, denn jetzt winkt wieder der Aufstieg.

Vorläufig werde ich mein Lieblingshobby aber ein Weilchen ruhen lassen. Erstens bekomme ich es sonst mit dem Co-Autor zu tun, der sich äusserst schwer tut damit und jedes Mal, wenn ich umziehe, mit Ausziehen droht. Zweitens findet der Teenager es grad’ sehr gemütlich in meiner neuen Schreibhöhle. Und drittens haben wir noch November und ich bin sage und schreibe erst bei – Moment – 1297 Wörtern angelangt. Da müsste ich mich schon sehr warm anziehen, wollte ich die 50’000 noch schaffen…

Andererseits … das Anziehen überlasse ich dann doch lieber dem Teenager, der so manch glückliche Stunde damit verbringt. Ich ziehe dereinst lieber wieder um. Wenn auch vielleicht nicht mehr heute…

Rauchende Köpfe

Beim frühmorgendlichen Überfliegen der Tageszeitung bleiben meine Augen manchmal an einem optischen Highlight hängen und ich lese die Bildlegende dazu. Das kann mitunter sehr beflügelnd sein und meinen noch trägen Gedankenfluss in Bewegung bringen. Heute beeindruckte mich beispielsweise die Information, unsere Bundesbehörde trachte danach, den Raucheranteil von 27 auf 23 Prozent zu senken.

Was haben wir doch für eine kompetente, professionelle und effiziente Behörde, sagte ich mir stolz, die es so genau nimmt. Die nicht einfach mal schnell verkündet: „Es rauchen zu viele, das ist schlecht für die Bilanz des Gesundheitsdepartements; lasst uns etwas dagegen tun“, nein, die sich ganz klare Ziele setzt. Von 27 auf 23 Prozent. Keins mehr und keins weniger! Bestimmt hat die zuständige Projektgruppe wochenlang mit rauchenden Köpfen um diese Zahlen gerungen, bevor man damit an die Öffentlichkeit ging. Vermutlich steckt eine komplizierte Formel hinter der Zahl vier, also jenen Prozenten, die von dieser fantastischen Zielvorgabe profitieren werden.

Dass es auch vier Strategien sind, mit welchen man sie zu erreichen trachtet, ist wohl ein neckischer Zufall – so einfach kann es ja nicht sein. Schliesslich hat eine Projektgruppe getagt. (Davon gehe ich jetzt einfach mal aus – heute gibt es schliesslich für ALLES eine Projektgruppe). Ganz nebenbei sind es grandiose Strategien, die unmöglich von einem Einzelnen stammen können. Einfach genial die Erkenntnis, dass das Verteilen von Gratiswerbung, Werbung überhaupt, Sponsoring von Sportanlässen und die omnipräsenten Zigarettenautomaten die Liebe zum Rauchen fördern könnten.

Eine so minuziös vorgehende Projektgruppe finanziere ich gerne mit. Auch, wenn ich zu den 73 Prozent gehöre, die nicht rauchen. Unter dem Strich lohnt es sich vermutlich.

Kein Verlass mehr

In meiner Verzweiflung wandte ich mich heute an Fieldo the cat. Ob er für mich in die Bresche springen und ein bisschen novemberschreiben könne? Weil ich grad echt nicht dazukomme… Klar sei das ethisch nicht ganz einwandfrei, er aber doch offiziell mein Co-Autor, der ausserdem viel mehr Zeit habe als ich selber und überhaupt könne ihm die kreative Pause nur zum Guten gereichen.

Die Antwort war leider ernüchternd. Am besten lässt sie sich mit einem Bild illustrieren…

Heutzutage ist einfach kein Verlass mehr. Nicht mal auf Co-Autoren.